Portrait Judith Brandenburg

Im Gespräch: Judith Brandenburg, Bandoneonistin 

Für das Fachmagazin akkordeon_magazin  „Clan der Harmonikas“ sprach ich mit der Berliner Komponistin,Pianistin und Bandoneonistin Judith Brandenburg über ihren Werdegang, ihre Liebe zum Instrument und über ihre Projekte.






Eine Wohnsiedlung ganz eigener Art findet man in der Ostberliner Innenstadt, regelrecht in den Wald hineingebaut, versteckt sich ein großzügig angelegtes Ensemble ein- und zweigeschossiger Häuser. Nach dem 2. Weltkrieg waren diese Bauten als Kinderheim entstanden; der Baustil verrät den Einfluss sowjetischer Architektur; nur ganz hinten, schon am Waldrand, gliedert sich ein Neubau an den denkmalgeschützten Komplex – und hier, mit Blick direkt in den Wald, lebt Judith zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn, mit einem großen Konzertflügel, der die durchsonnte Wohnstube beherrscht, und zusammen mit der großen, freundlichen, sehr anhänglichen Dobermann- Hündin Akira, die immer wieder schmusend und schubsend dafür sorgt, dass sie nicht in Vergessenheit gerät.


Pianistin

Der große Konzertflügel legt bereits die Antwort nahe auf die erste Frage, die ich hatte stellen wollen: Wir bringt man den Mut und die Energie auf, mit einem Instrument zu beginnen, das so sperrig und verquer strukturiert ist wie das Bandoneon? Aber so hat sich die Frage nie gestellt, denn Judith hatte ihr musikalisches Leben als Pianistin begonnen.

Judith Brandenburg: Ich hatte Klavier studiert, habe als Pianistin konzertiert und unterrichtet, Nebenbei hatte ich angefangen, Tango zu tanzen und diese Musik zu lieben; ich spielte auch als Pianistin in einem kleinen Tango-Ensemble.  Aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemals für mich ein anderes Instrument so einen Raum einnehmen könnte wie das Klavier. Ein Freund, der ein Bandoneon besaß, hat mir dann eines Tages sein Instrument auf den Schoß gegeben und – „Zack!“, da war die Falle zugeschnappt. Ich hatte dieses Instrument auf dem Schoß und spielte nur einen Ton, und habe diesen einen Ton erkundet, – wie man den formen kann, und wie man ihn atmen lassen kann. Dieser eine Ton, der hat das angerichtet. 


Das legendäre „doble A“

akkordeon_magazin: Wo wir von der Klangqualität des Bandoneontones sprechen – manche Leute sagen ja, es müsse unbedingt ein „AA“- Instrument sein, ein Instrument aus der Werkstatt des großen Instrumentenbauers Alfred Arnold – was Unkundige sehr in die Irre führen kann, weil Arnold für den europäischen Markt auch Instrumente mit Musette-Klang gebaut hat, die fast wie Akkordeons klingen und für Tango völlig ungeeignet wären…

Judith Brandenburg: Nein, es muss nicht unbedingt ein „doble A“-Instrument sein. Diese Instrumente sind herrlich, aber es gibt auch andere schöne. Die ELA-Instrumente zum Beispiel [1] ; man sagt ihnen nach, sie wären schlanker im Klang und hätten weniger Power, aber ich habe einige durchaus gute und kräftige gespielt.

akkordeon_magazin: Aber insgesamt scheinst du alte Instrumente einem Neubau vorzuziehen?

Judith Brandenburg: Ja, meistens finde ich fabrikneue Instrumente weniger überzeugend.


142 Töne

akkordeon_magazin: Vom Klang her gibt es aber wohl keinen Unterschied zwischen dem deutschen 144-tönigen System und der 142-tönigen Griffweise, die in Argentinien verwendet wird, nicht wahr? 

Judith Brandenburg: Doch doch, da gibt es durchaus Klangunterschiede. Die 142’er sind schwerer gebaut, die Druckverhältnisse sind anders, sie haben deshalb mehr Power, wenn der Balg sich öffnet. Sie sind brillanter, schneidiger und voluminöser.

Das Instrument meines Freundes, auf dem ich das erste Klangerlebnis hatte, war ein 144-töniges Instrument. Ich lieh es mir von ihm, besorgte mir eine Grifftabelle. Da ich schon wusste, dass ich möglichst bald ein 142-töniges Bandoneon besitzen wollte, lernte ich auf eigene Faust erst einmal ausschließlich alles, was bei beiden Modellen übereinstimmt. Von Rocco Boness in Hamburg kaufte ich dann mein erstes Arnold Premier, ein prächtiges Instrument von 1929. Ich fragte ihn nach Material, das ich üben könne, und er gab mir einen Stapel Tango-Originale im Sextett-Arrangement mit den Worten: „Hier, dies ist mein Part, und dies ist das zweite Bandoneon, schau dir das an, dann kommst du demnächst wieder, und wir spielen das zusammen.“ Ich nahm ihn beim Wort, übte drei Wochen zuhause und kreuzte wieder bei ihm auf. Wir spielten die Arrangements zusammen, und er war total verblüfft: „Du hast ja nicht nur die Themen gelernt, sondern auch die ganzen Variationen, den kompletten Text!“ – „Ja“, sagte ich, „das hast du doch gesagt.“ „Für dich gibt es nur eines: du musst mit dem Bandoneon richtig einsteigen“, sagte er darauf, „ich rufe mal den Carel Kraayenhof  an, den musst du kennenlernen.“


Rotterdam

Carel Kraayenhof lehrte am CODARTS in Rotterdam, kurze Zeit danach gab es ein Telefongespräch mit Judith, und Carel sagte: „Wir erwarten dich schon hier in Rotterdam, komm her und mach die Aufnahmeprüfung bei uns“. (…)


Eigene Ensemble

2009 gründete ich dann gemeinsam mit dem Pianisten Javier Tucat Moreno und einer Violinistin unser Trio La Bicicleta.. Das Trio hat bis heute Bestand, auch wenn die Besetzung gewechselt hat. Die Auftritte mit diesem Trio gaben für mich einen besonders wichtigen Moment, als ich feststellte, wie sehr es dem Publikum gefällt, wenn ich meine eigene Musik spiele. Vorher hatte ich ja überwiegend Titel aus der Tangomusik, die mir besonders gefielen, gecovert. Ich entdeckte nicht nur meine persönliche Freude, eigene Musik zu schreiben, sondern entdeckte auch, dass meine Musik den Leuten besser gefiel als die Coverversionen. Dadurch, dass wir früher Tanzmusik gespielt hatten, habe ich aber auch einen Sinn dafür entwickelt, was funktioniert, war man auch im modernen Tango schreiben kann. 


Tango Nuevo, Jazz, Filmmusik…

akkordeon_magazin: Das heißt, was du komponierst, orientiert sich durchaus am klassischen Tango…

Judith Brandenburg: Damals. Inzwischen ist das viel weiter geworden, ich kann das gar nicht genau eingrenzen. Wenn jemand mich bittet, einen Tango zu schreiben, dann schreibe ich einen Tango, aber ich bekomme ja auch andere Kompositionsaufträge – da bin ich nur ich selbst; und das ist dann eine Sprache zwischen Tango Nuevo, Jazz und Filmmusik – das ist halt „ich“. Man wird wahrscheinlich die Rhythmik des Tango oft durchscheinen hören, aber  die Harmonien sind durchaus jazzy.   (…)

akkordeon_magazin: Zuletzt konnte ich dich im Juni 2020 im YouTube-Online-Konzert sehen, ausgestrahlt vom Tonstudio Grewe, gemeinsam mit dem Pianisten  Volker Jaekel.

Judith Brandenburg: Dieses Konzert war lange voraus geplant gewesen; es sollte ein Livekonzert im Tonstudio werden, als Auftakt zu unserer gemeinsamen Tournee. Wegen des Virus musste die gesamte Tour ausfallen, und aus dem Livekonzert im Studio wurde notgedrungen ein Internet-Livestream.


Freie Kommunikation zu zweit

akkordeon_magazin: Die technische Qualität des Videos ist super, das Studio hat das sehr aufwendig gefilmt und umgesetzt; Empfehlung an alle Leser*innen, dieses Konzert anzusehen! [2]   Aber vor allem: musikalisch macht es großen Spaß, euch beiden zu folgen. Das sind ja überwiegend eure – bzw. deine – Eigenkompositionen, nicht wahr?

Judith Brandenburg: Wir haben in den Proben viel Raum dafür genommen, dass die Dinge gemeinsam zwischen uns entstehen. Es sind auch Titel dabei, bei denen man gar nicht mehr sagen kann, hier ist die Melodie von mir, hier von dir… wir waren sehr glücklich mit diesem Prozess. Ein Prozess mit viel gegenseitigem Vertrauen und Einverständnis. Ja, es ist eine tolle musikalische Sprache dadurch entstanden.    

akkordeon_magazin: Gerade als der Shutdown begann, kam für dich die Gelegenheit, für ein Hörbuch Musik zu komponieren und aufzunehmen… 


Streicher, Chor und Bandoneon

Judith Brandenburg: Eine große „audible“-Produktion, „Die juten Sitten – Teil 2“ wird es voraussichtlich heißen;  es soll im Dezember erscheinen. Den Teil 1 hatte ich im letzten Jahr auch schon gemacht. Der erste Teil war ein neunstündiges Hörbuch-Epos, und der zweite Teil wird wieder ein neunstündiges Epos. Berlin der 20er-Jahre – das ist ja gerade groß in Mode. Es geht um die Lebensgeschichte einer Prostituierten, sehr deftig geschildert – da konnte ich auch in der Musik die Charaktere sehr intensiv, expressionistisch und grell zeichnen. Für den ersten Teil hatte ich beides gespielt, Bandoneon und Klavier, und hatte Klarinette und Bassklarinette dabei; jetzt im zweiten Teil spiele ich nur Klavier, und eine Bratsche ist dabei.

audible-hörbuch-mit-Judith-Brandenburg

akkordeon_magazin: Jetzt hast du einen Kompositionsauftrag für ein Chorwerk bekommen, groß arrangiert für gemischten Chor, Mezzosopran Solo, Streichorchester, Bandoneon und Klavier…

Judith Brandenburg: Gerade jetzt, wo es keine Konzerte gibt, bin ich besonders glücklich über diese Arbeit. Im Augenblick nimmt dieses Chorwerk alle meine Zeit ein. Das Collegium vocale  Kirchberg ist der Auftraggeber, eine Kantorei in der Nähe von Gießen. Wir werden es uraufführen beim ökumenischen Kirchentag – falls er denn stattfinden kann. 

akkordeon_magazin: Schon im Jahr 2017 hattest du ein Chorwerk komponiert –

Judith Brandenburg: Das war mein „Pater Noster Tango“. Auch dieses Werk wurde für das Collegium vocale geschrieben, eine Tango-Messe. Ich bin sehr glücklich, dass dieses Werk dann in der Folge von mehreren Chören – von der Nordsee bis in die Schweiz – aufgeführt wurde, mit mir als Solistin. Es ist toll, Leute mit dieser Musik bewegen zu können, mit dem Chor dabei – sehr, sehr beglückend. Bei dieser Komposition hatte ich mich wirklich noch deutlich auf den Tango bezogen, beziehungsweise auf den Tango Nuevo. Im neuen Chorwerk ist es keine Tango-Messe mehr; diesmal ist es einfach Judith Brandenburg.

akkordeon_magazin: Dann nehmen wir das als Schlusswort und wünschen dir weiterhin kreatives und erfolgreiches Schaffen, Judith Brandenburg!

Das Interview in voller Länge ist abgedruckt im akkordeon_magazin Heft #77, 6/2020


Anmerkungen

[1]     ELA war die Bandoneonfabrik, die von Alfred Arnolds Vater Ernst Louis Arnold gegründet wurde und bis in die Anfangszeiten der DDR fortbestand.

 {2) Das Konzert steht dauerhaft im Netz unter dieser Adresse:
https://www.youtube.com/watch?v=9FGqLtpBzHo


Diesen Artikel schrieb der Musiker Peter M. Haas

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