Heinrich Band.Bandoneon

Ein Bildband über Heinrich Band und das Bandoneon ist erschienen. Das Kulturbüro der Stadt Krefeld hat ihn herausgeben lassen. Das Buch kann ich wärmstens empfehlen. Aber es hat auch bittere Kritik an diesem Buch gegeben.






Eine befreundete Musikerin hat mich darauf aufmerksam gemacht: Ein wunderbarer neuer Bildband über das Bandoneon sei erschienen. Leider sei das Buch schon wieder vergriffen. Ersteres trifft zu: Der Bildband ist wirklich wunderbar. Das zweite erwies sich erfreulicherweise als Irrtum. Das Buch wurde längst wieder neu aufgelegt. Wie heißt dieses Buch? „Bandoneon“, beziehungsweise, wenn man genauer hinschaut: „Heinrich Band.Bandoneon“.

Zwei Dinge gleich vorweg: 

Erstens: Dieser Text- und Bildband ist wirklich außerordentlich, es ist eine seltene Freude, in diesem Buch zu blättern, zu stöbern, zu schwelgen…

Zweitens: Es hat bittere Kritik an dem Buch gegeben. Warum und weswegen – darauf will ich am Schluss dieses Beitrags eingehen.

Dieser Text- und Bildband ist wirklich außerordentlich…

Zunächst aber zu diesem Buch. Über 360 Seiten umfasst es, und es ist üppig ausgestattet und bebildert. Es ist eine regelrechte Festschrift – die Stadt Krefeld (deren Kulturbüro als Herausgeber zeichnet) feiert: im Licht der Festbeleuchtung steht die Stadt Crefeld selbst, ihr berühmter Sohn Heinrich Band und das Instrument, das seinen Namen trägt: Das Bandoneon.

Blick ins Buch "Bandoneon"

Ausführlich wird das Bürgertum der Stadt Crefeld Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben, ausführlich die Herkunft und die Aktivitäten des Musikalienhändlers Heinrich Band. Band importierte Konzertina-Instrumente aus Sachsen und modifizierte das Griffsystem – insbesondere geht die 142-tönige „rheinische“ Grifflage auf ihn zurück. Diese Instrumente verkaufte er längere Zeit als „Accordions“, bis er um 1855 den verkaufswirksamen Namen „Bandonion“ einführte, den in der Folge auch andere Hersteller übernahmen.

Interviews, Portraits, Statements 

Wenn diese historische Geschichte zu Ende erzählt ist, fängt das Buch ein zweites Mal an: mit dem Bogen zur internationalen Bandoneonszene bis in die Gegenwart. Interviews, Portraits, Statements von Musiker*innen und Instrumentenbauer*innen weltweit: Argentinien, Niederlande, Deutschland West, Deutschland Ost… Viele anrührende Beiträge sind hier versammelt.

Blick ins Buch "Bandoneon"

Und noch ein weiterer Teil schließt sich an: Unter dem Titel „Logbuch“ forscht die Autorin nach genaueren Belegen – wo hat Band seine Instrumente bestellt? Wer hat sie produziert und geliefert? Sie trägt akribisch Details zusammen zu dem, was jeder Insider längst im Großen und Ganze weiß: Die Produktion und Entwicklung von Konzertina und Bandoneon fand fast ausschließlich in Sachsen statt, – so etwa in den sächsischen Städten Chemnitz, Waldheim und später in Carlsfeld. (Zu Details dieser Recherche können meines Erachtens nur Fachleute kritisch Stellung nehmen.)

Soweit der Bogen, den dieses Buch schlägt. Wie kaum ein anderes Buch lädt es zum schwelgerischen Stöbern ein. Wer es noch nicht hat – rasch kaufen! (1)

Ach so, ja – die Kritik!

Ungerechtes Scheinwerferlicht?

Worum geht es da?

Das Buch – so ein Autorenkollektiv – usurpiere Erfindung und Entwicklung des Bandonions für die Stadt Krefeld, rücke den Musikalienhändler Band in ein Scheinwerferlicht, das ihm nicht zustehe, stelle alle Erfinder, Entwickler und Produzenten vor Band und nach Band vorsätzlich weit zurück in den Schatten.

Nun gut – alle Insider wissen es: Heinrich Band war weder Fabrikant noch Erfinder. Er hat Konzertinas aus Sachsen vertrieben, beteiligte sich an der Weiterentwicklung der Griffpläne (die sogenannte „rheinische“, 142-tönige Knopfbelegung geht auf Band zurück), und als geschickter Händler führte er den zugkräftigen Produktnamen „Bandoneon“ ein.

Blick ins Buch "Bandoneon"

Band hat also das Bandoneon nicht „erfunden“. Aber das behauptet die Autorin des Buches auch an keiner Stelle. Immer ist von Heinrich Bands „Instrumentenentwurf“ die Rede. Der Tenor des kritisierenden Autorenkollektivs (2), nämlich „die Autorin (versuche) die Urheberschaft dieses Instrumentes ausschließlich dem Krefelder Heinrich Band zuzuschreiben…“ (3) erscheint mir (und auch manchen meiner Musikerfreunde) heftig überzogen und unangemessen von heiligem Zorn durchtränkt. Neben diesem Gruppen-Paper kursiert die Kritik von Norbert Seidel (4), die ins musikhistorische Detail geht, viel wissenschaftlicher und gemäßigter daherkommt. Seidels Aussage: Die Schreibweise der mit einem Kreuzchen bezeichneten Bandoneontaste legt nahe, dass der Anteil Heinrich Bands an der Entwicklung des Tastaturlayouts geringer ist als bisher unterstellt. Schade – als wissenschaftlicher Laie kann ich den Gehalt dieser Kritik nicht nachvollziehen oder prüfen, das müssen im Laufe der Zeit Fachleute entscheiden.

„Hätte, hätte, hätte, hätte“

Was bleibt also unterm Strich? Von mir eine unbedingte Empfehlung für dieses Buch – wer aber bisher nichts wusste über die Bandoneongeschichte, soll sich bewusst sein: Dies sollte von vornherein eine Festschrift sein, die den Focus auf „die Verbindung zwischen Heinrich Band, seinem Instrumentenentwurf und der Krefelder Stadtgeschichte“ legt. So lautete der Krefelder Auftrag an die Autorin Janine Krüger, so steht es im Vorwort und genau so ist es auch. Lese ich das Buch (nach Studium der Kritik) ein wiederholtes Mal, bemerke ich: 

Es hätte nichts geschadet, mehr über den Chemnitzer Konzertina-Erfinder Uhlig (hier zitiert als „Chemnitzer Konkurrenz“) zu erfahren. Der legendäre Fabrikant Alfred Arnold hätte mehr verdient als eine Erwähnung auf einer Doppelseite (als „Carlsfelder Konkurrenz“), denn er war es, aus dessen Werkstätten das Bandonion den entscheidenden Sprung nach Argentinien machte, um „El Bandoneón“ zu werden. Ein Gespräch mit dem Carlsfelder Bandoneonbauer Wallschläger hätte aufzeigen können, wie der Bandonionbau in der DDR jahrelang noch kultiviert worden war, um dann aber von staatlicher Seite abgewürgt zu werden, ein interessanter Aspekt, den Sie, geneigte Leser*, auf meiner website im Interview nachlesen können (5)

Ein rundum gelungenes Konvolut von Dokumenten und Bildern 

Hätte, hätte, hätte, hätte. Für ein „Standardwerk“ kann man also ein paar Lücken oder sagen wir mal: Beleuchtungsfehler diagnostizieren. Für ein rundum gelungenes Konvolut von Dokumenten und Bildern, Interviews und Statements reicht es aber allemal, sogar doppelt und dreifach.

Ein Schlussgag ergab sich dann unverhofft, als ich im DUDEN nach den Einträgen „Bandonion“ und „Bandoneon“ suchte. Auch darüber hatte es früher giftigen Streit gegeben: Welche der Bezeichnungen man denn nun ausschließlich verwenden dürfe. Der DUDEN schlichtet salomonisch: Der Begriff „Bandonion“ ist seit 1929 im DUDEN (6), seit 1934 auch die Schreibweise „Bandoneon“ (7) und damit sind seit 90 Jahren beide Schreibweisen traulich vereint – aber beide gespickt mit einer faustdicken Lüge: „Herkunft: nach dem deutschen Erfinder H. Band (1821–1860)“ steht dort als Erklärung für jeden der beiden Begriffe. Nein, das geht nun wirklich nicht!!! Das weiß ja (allerspätestens nach diesem Artikel) nun wirklich jede*r.

Peter M: Haas






leser-glücklicher-kunde-männlich

Text: Sehr verehrter Herr Haas,

ich habe das Buch Heinrich Band. Bandoneon gelesen und habe es zunächst mit einem ambivalenten Nachgeschmack erstmal ins Regal gestellt!
Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich natürlich alles gelesen, was man so über das Bandonion lesen kann. Und letztlich muss ich mich als Anhänger Karl Oriwohls outen! 
Ihre sehr gelungene Rezension ( ich denke Sie haben das Buch mindestens zweimal gelesen ) hat mir sehr gut gefallen und mir geholfen, mich nicht in die Reihe der Nörgler zu stellen, sondern das Buch so zu lesen und zu sehen, als das es gedacht war!
In jedem Fall hilft es, dass das Bandonion im Gespräch bleibt und vielleicht den einen oder anderen dazu bewegt, sich mit dem Spiel desselben zu beschäftigen!

Viele herzliche Grüsse aus der Oberpfalz 
Georg Leugner-Gradl
Steinlinger Balginstrumente am 18.12.2020






leser-glücklicher-kunde-männlich

Hallo Peter,
ein sehr schöner Artikel. Danke für Deine Mühe. So bleibt unser Instrument im Gespräch.
Herzlich
Carsten Heveling , Bandoneon-Restaurateur, Wuppertal, am 19.12.2020






Anmerkungen

(1) Das Buch: Janine Krüger, „Heinrich Band.Bandoneon“, Klartext Verlag Essen, 2020 € 29.95

(2) Rezension Autorenkollektiv Guter/Wolff/Seidel/Karthe/Algeri, Artikel für das Magazin Tangodanza August 2020

(3) https://www.bandonionverein-carlsfeld.de/index.php/2-uncategorised/22-heinrich-band

(4) Beitrag von Norbert Seidel, München, hier veröffentlicht auf der website des Bandoneonvereins Carlsfeld

(5) Im Artikel von Peter M. Haas, „Bandoneon für Tastenspieler – gibt’s das?“ im Schlusskapitel „Bandoneonbau in Carlsfeld“ unter diesem Link:
https://www.petermhaas.de/reportagen/tasten-bandoneon#carlsfeld

(6) https://www.duden.de/rechtschreibung/Bandoneon

(7) https://www.duden.de/rechtschreibung/Bandonion



Diesen Artikel schrieb der Musiker Peter M. Haas

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