Diese 7 Programme und Apps wollen dein Gehör trainieren – halten sie ihr Versprechen?






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Text: Felix Tennigkeit im Fachblatt „akkordeon magazin“
zuletzt aktualisiert am. 20.10.2021






Gehörbildung – ein wichtiges Thema. Alle Musikerinnen und Musiker können sich glücklich schätzen, die nicht nur Notenzeichen umsetzen, sondern ihre Töne und Melodien nach Gehör spielen können. Zahlreiche Apps machen möglich, das Gehör selbst zu trainieren. Die renommierten Marktführer wie Perfect Ear und Earmaster haben längst viel Konkurrenz bekommen. Jüngster Mitbewerber ist das Ear Trainer Keyboard AMADEUS. Was bieten die Apps, was kosten sie, wie funktioniert das Training? Wir vergleichen 7 der wichtigsten Programme zum musikalischen Hörtraining.











Einleitung

Gehört „Hören“ zur „Theorie?

„Gehörbildung“ wird bis heute eher als Filiale des Theorieunterrichts verstanden. Dazu gehören dann solche Übungen: Intervalle vergleichen (welches ist größer) – Intervalle hören und benennen – Intervalle im Notenbild sehen und benennen – Intervalle oder Melodien hören und auf einem virtuellen Keyboard spielen („Musikdiktat“) – Akkordfolgen hören und die Funktionen benennen und manches mehr. Jede der vielen Apps hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Welches ist ihr Angebot? Was kann die free-Version? Wieviel kostet die Vollversion? In diesem Test vergleichen wir.

Gehörbildung Ear Trainer Amadeus von Peter M Haas

Melodien nachspielen – gleich jetzt!

Sehr viele aktive Musiker (egal ob Klassiker oder Pop- und Jazzmusiker) haben die Fähigkeit, Melodien zu hören und sofort nachzuspielen, weil sie gelernt haben, den Verlauf der Melodie in ihrer Tonleiter nachzuvollziehen. Wer das kann, benennt die Intervalle nicht mehr einzeln (obwohl er es könnte), sondern hat den spontanen Zugriff auf Melodien, den viele Improvisatoren als direct access bezeichnen. 

Nicht klinisch steril, sondern musikalisch!

Um diesen Zugriff zu üben, muss man die Intervalle nicht hochwissenschaftlich und steril einteilen („große Septime aufwärts“, „verminderte Quinte abwärts“) und ohne jeden musikalischen Zusammenhang abfragen (als hätte man Schmetterlinge präpariert und im Glaskasten einzeln aufgespießt). Schon Anfänger auf den Tasten können leicht und mit Spaß lernen, nachzuspielen was sie hören: Erst kleine Intervalle, dann einfache Melodien von drei oder mehr Tönen, erst über C, später auch in anderen Tonarten. Dafür sind auch die lateinischen Namen nicht nötig – auch wenn sie sicher später gelernt werden.

Testschwerpunkt: „Melodiediktat“

Viele der Apps bieten so ein Training an. Meistens wird diese Funktion „Musikdiktat“ genannt (oje, das verrät natürlich wieder die Herkunft aus der Schulstube!). Aber taugt sie auch etwas, um bei Musiker-Einsteigern die Lust am Hören zu wecken? 

Wir halten dies für einen didaktisch besonders guten Weg, Anfängern wie Fortgeschrittenen den Weg zum erfolgreichen Hören zu öffnen. In unserem Vergleichstest werden wir alle Trainingsangebote der verschiedenen Apps auflisten.  Hauptsächlich werden wir darauf achten, welche Qualität das eben beschriebene Melodietraining hat:  Kann man unbürokratisch schnell mit dem Hören und Spielen loslegen? Sind die Melodien musikalisch sinnvoll, oder sind es nur computergenerierte Tonfolgen ohne Sinn? Kann man während der Eingabe Korrekturen vornehmen, und gibt es eine motivierende Erfolgskontrolle?

Dies sind unsere 7 Testkandidaten:






1. Der gründliche Schulmeister: Better Ears

Better Ears

Better Ears darf wohl als einer der etablierten „Platzhirsche“ auf dem Markt bezeichnet werden. Dieses Programm ist verfügbar für Mac (Testversion 10 Tage gültig, Vollversion 19,99€) sowie als App für iOS und Android (Beginner-Version frei, Vollversion 9,99€).

Solide und  gründlich programmiert

Vorneweg möchte ich festhalten: Diese App ist von der Technik her sehr professionell und gründlich programmiert. Die Lösungen kann ich auf dem virtuellen Keyboard oder auf einem virtuellen Gitarrengriffbrett eingeben, es kann aber auch ein MIDI-Keyboard oder sogar ein Mikrofon angeschlossen werden. Die Sounds der Musikaufgaben sind 6fach wählbar; die Benutzer können auch eigene Levels definieren und eigene Aufgabenfolgen erstellen –Kompliment!

Die Palette der Trainingsprogramme ist weit gefächert: Intervalle erkennen – Tonleitern erkennen – Akkorde – Akkordverbindungen – absolute Tonhöhe erkennen – Tempo erkennen – Vorzeichen erkennen sowie weitere Übungen zum Notenlesen. 

Übersichtliche klare Ansage bei Better Ears
Übersichtliche, klare Ansage bei Better Ears

Melodiediktat

Das sogenannte Musikdiktat ist hier also eine von vielen angebotenen Übungsfolgen. In der Free-Version ist von den 4 Kategorien „Anfänger – Leicht – Normal –Profi“ nur das „Anfänger“-Level freigeschaltet. Das geht aber bereits heftig zur Sache: Die ersten Übungen bestehen jeweils aus drei Tönen, der erste Ton wird benannt. Die ersten Tonfolgen, die ich als „Anfänger“ absolvieren muss, lauten: Db4 (vorgegeben) – Gb3 – Db4; F#3 – E3 – F#3; Bb3 – G3 – Eb4. Als Anfänger gilt hier offenbar jemand, der sich längst schon in den gängigen Tonleitern hörend bewegen kann. Neulinge dürften so kaum dazu gelockt werden, Erfolgserlebnisse einzuheimsen.

Wir haben dann die Übungen für Profis angesehen – oh je. Keine musikalisch sinnvollen Motive, sondern wild durch die Chromatik springende Passagen aus dem Zufallsgenerator. Auch erfahrene Praktiker dürften hier gnadenlos durchfallen, wenn sie eine Folge von über 10 Tönen einer kakophonischen Tonkaskade memorieren und wiederfinden sollten. 

Gibt es Korrekturmöglichkeiten bei der Eingabe? Ja, in den Einstellungen können wir wählen, wie oft ein Ton erneut eingegeben werden darf, bevor die Aufgabe als verloren gilt. 






Fazit:

✅ Sehr solide und umfassend programmiert. Man merkt allerdings, dass hier eher Schulmusiker der „alten Garde“ am Werk waren. 

⛔️ Die Akkordübungen (Welche Funktionsfolge hören Sie?) präsentieren eine sterile Abfolge von Akkorden in der Grundstellung, was musikalisch keinen rechten Sinn ergibt. 

⛔️ Viele Übungen für das Melodiediktat scheinen vom Zufallsgenerator zu stammen.

⛔️ Pikantes Detail: In der Übung „Tonleitern erkennen“ fehlen die inzwischen auch hier geläufigen Balkan-Tonleitern, dafür fand ich die unsägliche „Zigeunertonleiter“. Unser Tipp: beim nächsten Update austauschen!

➡️ Unsere Empfehlung: ideal, wenn du dich auf eine Klausur oder Aufnahmeprüfung vorbereiten willst.






2. Beeindruckendes Rundum-Paket: EarMaster

EarMaster

EarMaster ist verfügbar für PC (Mac oder Windows) oder als iOS-App. Die PC-Vollversion kostet 59,90€. Am Handy können einzelne Kurse nach und nach hinzugebucht werden.

  Einsteiger-Kurs

Wer will, kann zunächst einen umfassenden Einsteigerkurs durchlaufen. Das erste Modul von Übungen heißt „Tonhöhe“. Kannst du einen vorgegebenen Ton mitsingen? (ja, EarMaster nimmt Mikrofoneingaben an und checkt auch deine Intonation). Kannst du Prime und Sekunde nach dem Klang unterscheiden? Kannst du Zweitonfolgen korrekt (auch rhythmisch korrekt, EarMaster gibt hier einen Ticker vor und checkt auch den Rhythmus) nachsingen? All das wird mit einer Genauigkeit und einer Engelsgeduld anfängerfreundlich gemeinsam geübt, dass es eine helle Freude ist. Ähnlich geduldig sind die folgenden Einsteigermodule den folgenden Themen gewidmet: Beat – Notenwerte – Tonalität – Takte – die Subdominante – Konsonanzen und Dissonanzen… und so weiter. Da ergibt sich also ein umfassender Einführungskurs in die Musiklehre, alles zum Anhören und Ausprobieren und Üben.

Allgemeine Workshops

Wer den Einführungskurs absolviert (oder übersprungen) hat, kann zwischen beeindruckend weit gefächerten Übungsprogrammen wählen: Akkorde erkennen – Akkordumkehrungen – Akkordverbindungen – Tonleitern bestimmen – Rhythmen lesen und spielen – Rhythmen hören und spielen – Rhythmusdiktat – Melodien lesen und spielen – Melodien hören und spielen… Interessant ist also hier, dass EarMaster nicht nur die Töne und Akkorde behandelt, sondern auch ihren Rhythmus. EarMaster achtet sehr genau auf den Rhythmus, aber auch auf die Artikulation der eingespielten Töne. Einmal nur die richtige Taste antippen, reicht nicht, er will die ganze Tonlänge im Sustain hören. Die Eingabe am Mäuseklavier auf dem Handy stößt dabei schnell an ihre Grenzen.

Zu ungenau intoniert - Ear M;aster war mit meiner Eingabe nicht zufrieden
Zu ungenau intoniert – Ear Master war mit meiner Eingabe nicht zufrieden

Melodiediktat

Die Vorgaben sind klug gestaffelt – von dreitönigen Melodien aus nur zwei Tönen (C4 und D4) für den allerersten Anfang bis zu mehrtaktigen Motiven in der ganzen Tonleiter können die Benutzer gezielt auswählen, wie schwer es sein soll. Mit der tonalen Anforderung wächst jeweils auch die rhythmische Komplexität. Die Lösungen können auch gesungen oder über MIDI-Keyboard eingegeben werden. So sollte man offenbar auch bevorzugt arbeiten. Beim Eintippen der Lösungstöne auf der virtuellen Tastatur am Handy wurde öfter meine komplette Eingabe für falsch erklärt. 

Schon das einleitende Notenbeispiel (8 Takte aus dem Standard „After You’ve Gone“) zeigt: Hier waren engagierte Jazzmusiker am Werk. Entstanden ist ein umfassendes Trainingspaket, das allerdings auch seinen Preis kostet.






Fazit

✅ Didaktisch sehr gut aufgebaut, holt alle Musiker ab, auch Einsteiger 

✅ Beeindruckend vielseitiges Trainings-Angebot

⛔️ Das Programm ist mit Abstand das teuerste im Test 

⛔️   Schade: Hörübungen unterwegs von der Handy-App aus zu lösen, ist nur schwer möglich, da Artikulation und Rhythmus nicht genau genug eingegeben werden können. Aus gleichem Grund geht auch Training mit Bluetooth-Kopfhörer nicht.

➡️ Unsere Empfehlung: Ideal, wenn du ein gründliches Rundum-Training für kreative Musiker absolvieren willst. EarMaster wird auch in Schulen und Arbeitsgruppen eingesetzt.






3. Modernes Do-Re-Mi: Functional Ear Trainer

Functional Ear Trainer

Functional Ear Trainer ist verfügbar für PC (Mac und Windows) sowie als App für iOS und Android. 

Die „Methode Benbassat“

Wie viele andere Musiker, steht der Musiker und Programmierer Alain Benbassat auf dem Standpunkt: Töne dürfen nicht für Hörübungen isoliert werden, denn wir hören sie im Kontext ihrer Tonleiter. Ausgehend davon, entwickelte er – in Analogie zur Solmisation des „Do – Re – Mi…“ – Hörübungen, in denen die Trainées üben können, den Platz eines jeweiligen Tones in der vorgegebenen Tonleiter zu erkennen. Wie das? Ganz einfach: 

Wir bezeichnen die ersten vier Töne der Tonleiter mit Ziffern – 1, 2, 3, 4. Jetzt spielt das Programm zunächst die Kadenz der jeweiligen Tonleiter vor, damit ein Bezug gegeben ist. Danach ist ein einzelner Ton zu hören. Ist es die Quarte (4)? Oder die Terz (3)? Oder die Sekunde (2)? Oder einfach die Prime (1)? So wird nach und nach der Klang der einzelnen Tonstufen in der Tonleiter vertraut. Die folgenden Trainingsreihen erweitern den Tonraum nach und nach, bis wir beim Bereich der ganzen Oktave mit eingeschlossener Chromatik angekommen sind.

Functional Ear Trainer – die Töne als Intervallzahlen
Functional Ear Trainer – die Töne als Intervallzahlen

Töne als Tonstufen hören

Töne als Tonstufen zu hören: Diese Fähigkeit haben sich viele kreative Musiker angeeignet. Es ist eine sehr gute Idee, das zu trainieren. Dass für die Bestimmung der Töne keine Notenzeichen verwendet werden, hält die Sache praxisnah; und dass keine Klaviertastatur verwendet wird, ist zwar ein wenig abstrakt für Keyboarder, öffnet die Arbeit aber für Musiker aller Instrumente. Eine gute Alternative zum etwas erstarrten Denken der traditionellen Schuldidaktik!






Fazit

✅ keine Tasten = offen für Musiker aller Instrumente 

✅ Wertvolles Training für Kreative und solche die es werden wollen

✅ Das Programm ist kostenfrei

⛔️ Die immer gleiche Aufgabenstellung dürfte auf Dauer ermüden. 

➡️ Unsere Empfehlung: ideal als Training für alle Kreativen, um Töne in ihrer Skala hören zu lernen. Man könnte es als Ergänzung zu einem „Melodie-Diktat“-Training benutzen. – Schnell kostenfrei ausprobieren!






4. Flottes Melodietraining ohne Umwege: Amadeus

Amadeus ist zugänglich über die website des Entwicklers: petermhaas.de/amadeus/
Die App funktioniert online im Browser mit PC, Pad oder Handy. Light-Version kostenfrei, die Vollversion kostet 12,95€

Der Focus auf „Hören und spielen“

Auch Amadeus verfolgt ein eigenes Konzept: abweichend von anderen Trainingsprogrammen konzentriert Amadeus sich auf eine einzige Übungsfunktion, nämlich das Nachspielen von Intervallen und Melodien auf den (virtuellen) Tasten. Diese Funktion ist aber viel weiter ausgebaut als bei allen anderen, vergleichbaren Apps.

Schneller Start bei Amadeus – mit einem Klick geht das Training los
Schneller Start bei Amadeus – mit einem Klick geht das Training los

Dies sind die Übungsprogramme von Amadeus

Geordnet sind die Trainingsprogramme nach dem jeweils benutzten Tonvorrat. Für den ersten Einstieg sind die Trainingsprogramme „3 Töne C–E–G“ und „5 Töne in C-Dur“ gedacht. Diese beiden Trainingsbereiche sind in der kostenfreien Light-Version ohne Einschränkung nutzbar. Die folgenden Trainingsbereiche: „C-Dur-Tonleiter“, „C-Moll-Tonleiter (reines Moll)“, „Durtonleiter (freie Grundtonwahl)“, „reine Molltonleiter (freie Grundtonwahl)“, „Bluestonleiter“ und „chromatisch.“

So funktioniert das Training

Die Entwickler haben großen Wert auf spontanen Einstieg und klares Handling gelegt. Amadeus begrüßt die Benutzer mit „Willkommen – los geht`s“, und schon können wir unseren Tonbereich wählen und starten. Zwei Besonderheiten zeichnen Amadeus dabei aus: Zum einen wird überwiegend bekanntes Liedmaterial verwendet – Volkslieder genauso wie als der Klassik bekannte Themen. Zweitens funktioniert Amadeus adaptiv und reagiert auf die Erfolge der Trainierenden: Sobald eine bestimmte Trefferquote erzielt ist, setzt Amadeus das Spiel im nächst höheren Level fort. So ist – je nach Geschick der Trainées – der fließende Übergang von den ersten Intervallen bis zu langen Melodiebögen spielerisch gegeben. 

Gibt es auch Theorie?

Der Einstieg ist frei von allen theoretischen Erklärungen gehalten. Aber Theorie gibt es dann doch – zu jedem Trainingsprogramm ist eine kurz und übersichtlich erklärende Website verlinkt. Wer mehr wissen will, kommt von dort zu (kostenpflichtigen) ausführlichen Skripten.






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Fazit:

Eine schlanke App, mit der „Hören und Nachspielen“ den Schulcharakter verliert und zur spielerischen Herausforderung wird.

✅ Didaktisch gut aufgebaut, holt auch Einsteiger sofort gut ab

✅ Hörübungen werden zum Spiel; es geht sofort los

✅ Fördert den spontanen Zugriff auf die Tasten

⛔️ Im Vergleich zu anderen Apps:  Die Vollversion ist relativ teuer

➡️ Unsere Empfehlung: ideal für Anfänger und Fortgeschrittene, die unkompliziert den spontanen Zugriff auf die Töne trainieren wollen – schnell die light-Version kostenfrei ausprobieren!







5. Solide und stimmig: My Ear Training

My-Ear-Training

My Ear Training ist erhältlich als App für iOS und Android. In der Basisversion wird Werbung geschaltet. Die Vollversion (werbefrei) kostet 9,99€.

Guter Gesamteindruck

Das Trainingsangebot gliedert sich in die Rubriken: Standard – Rhythmus – Tonal – Singen – Musiktheorie. Wir haben uns die Rubrik „Standard“ näher angesehen: 

– Die Intervallbestimmung ist in einzelnen Trainingsrunden nach Intervallen geordnet (Sekunden, steigend – Sekunden, fallend – Terzen, steigend… bis dann beliebige Intervalle bis zur Oktave oder zur Quintdezime zu hören sind. Sinnvoll: Wahlweise kann ich die Lösung auf den Tasten tippen, oder ich kann Buttons antippen. Die Intervalle erklingen quer durch den Quintenzirkel, die Lösung erscheint zusätzlich im Notenbild.

– Die Akkordbestimmung ist clever gelöst: es erklingt zunächst der Akkord gleichzeitig mit allen Tönen. Zwei kleine Pfeil-Tasten erlauben mir aber, „A“ den Akkord langsam arpeggiert anzuhören, „R“ den Grundton alleine zu hören. Das ist hilfreich und auch nötig, denn schon in der Rubrik „Dreiklänge II“ gibt es viele Dreiklangsumkehrungen in weiter Lage.

– Angenehm auch die Erkennung der Akkordprogressionen: Sie werden (anders als z.B. in Better Ears) in musikalisch sinnvollen Umkehrungen präsentiert, und vor dem ersten Akkord hören wir den Grundton, um eine Orientierung zu ermöglichen. Ein bisschen schnell werden die Beispielakkorde gespielt – aber in den Einstellungen kann man das Wunschtempo der Übungen justieren, gut so.

– Rhythmus notieren: Ein ein- oder zweitaktiger Rhythmus wird gespielt, auf Buttons erscheinen die benötigten Noten- und Pausenwerte, die ich eintippen muss. Eine gute Idee! Schade nur: Es gibt zwar einen Einzähler, aber über dem fraglichen Rhythmus wird kein Ticker wiedergegeben. Das macht es bereits bei Offbeat-Achteln auch für erfahrene Notisten schwierig, die korrekte Lösung zu ermitteln. Das wäre eine Verbesserungs-Idee für ein kommendes Update.

Grün war richtig - rot war falsch: deutliche Ansage in My Ear Training
Grün war richtig – rot war falsch: deutliche Ansage in My Ear Training

Melodiediktat

Die Intervallbestimmung wurde schon beschrieben. In der Rubrik „Tonal“ gibt es dann die Hörübung „tonale Melodien am Klavier“. Das ist für Fortgeschrittene interessant: Es geht quer durch den Quintenzirkel; vor jeder Melodie erklingt die zugehörige Kadenz, die Melodien haben teilweise überraschende, aber gut klingende Verläufe. (Auch hier sollte man die als default vorgegebenen 100 BPM auf einen langsamen Wert stellen). In der „Solfeggio“-Rubrik müssen wir, statt die Tasten zu finden, die Intervallzahl jedes einzelnen Tones angeben. Wieder eine gute Idee, die an Boubassants „Funktional Ear Trainer“ erinnert.






Fazit:

Sehr solide und anwenderfreundlich durchgeplantes Angebot. Die Werbung in der free-Version ist dezent eingebaut und stört nicht.


✅ Hör- und Akkordübungen für Fortgeschrittene reizvoll

✅ Reiches Trainingsangebot schon in der free Version

⛔️ Training für Anfänger (außer Intervallübungen) eher nicht geeignet

⛔️ Rhythmus-Notationsübungen erschwert durch fehlenden Ticker

➡️ Unsere Empfehlung: ideal und interessant für Fortgeschrittene – schnell kostenfrei ausprobieren!






6. Zugriff „abstrakt“: Complete Ear Trainer 

Complete Ear Training

Complete Ear Trainer ist erhältlich als App für iOS und Android. Die App ist kostenfrei.

Konzipiert als Videospiel…

Die Macher des Complete Ear Trainer weisen darauf hin, dass ihr Trainer als Videospiel konzipiert ist. Unter anderem deshalb, weil jedes nächste Level erst zugänglich ist, wenn das vorherige erfolgreich bearbeitet wurde (eine Festschaltung, die sich aber in den Einstellungen aufheben lässt.) Erstaunlich – für ein Videospiel gibt es dann aber relativ wenig auf dem Schirm zu sehen. Das liegt an der ganz speziellen Eingabemethode in diesem Tool.

Wir tippen Tonnamen ein…

Der Standardbildschirm fast aller Übungen sieht wie folgt aus: ein äußerer Kreis mit den 7 Stammtönen – ein innerer Kreis mit den Versetzungszeichen Kreuz, Be, Doppelkreuz und Doppel-Be. In der Mitte thront das Auflösungszeichen. Was machen wir damit? Na klar, das ist unsere Klaviatur zum Eintippen der Lösungen!

Hier gibt’s also weniger was zum Hinschauen und oft auch weniger zum Hören, als zum Abchecken, ob wir die Intervalle und Tonleitern in ihrer korrekten Schreibweise richtig im Kopf haben. Für frische Anfänger ist das mit Sicherheit nicht ganz das Passende, wenn gefragt wird „eine große Terz über E“ oder „eine Quarte über A#“. Für mäßig Fortgeschrittene können es aber sehr gute Übungen sein, die Tonleitern und ihre korrekte Schreibweise ohne Anschauung der Tasten abzufragen. (Eine kleine Terz über Des? Na klar, das Fes. Hätten Sie sicher auf Anhieb gewusst?!)

Complete Ear Trainer: In so ein Feld tippen wir unsere Lösung
Complete Ear Trainer: In so ein Feld tippen wir unsere Lösung

Melodie-Diktat

In Übungslevel 3, Kapitel 5 finden wir dann endlich auch „Kurze Melodische Diktate“. Es geht auch hier gleich durch den Quintenzirkel; angenehmer Service: es wird die Tonart und der erste Ton im Display benannt. Nicht ganz leicht: Es sind bereits in den allerersten, leichten Aufgaben Tonfolgen von 6 Tönen, die gefunden werden sollen. Auch hier wird der Tonnamen-Kreis als Eingabe benutzt. Ich spiele also nicht, sondern „schreibe“. Meine eingegebenen Töne erscheinen als Tonnamen im Display, sind aber nicht zu hören. Ich muss mich also auf meine Abstraktionsfähigkeit verlassen. 

Fazit

Die Eingabe über den Tonnamen-Kreis ist sehr speziell (und für ein so genanntes Videospiel nicht besonders attraktiv). Den spontanen Zugriff aufs Instrument fördert das sicherlich nicht, ist aber eine sehr gute Übung für Fortgeschrittene, zumindest in Kombination mit anderen Trainingsformen.






✅ Die App ist kostenfrei und bietet dafür ein weit gefächertes Angebot

✅ eher für Fortgeschrittene interessant

⛔️ Wird als „Videospiel“ beworben, dieser Anspruch wird nicht erfüllt

➡️ Unsere Empfehlung: spannend vor allem für Fortgeschrittene – schnell kostenfrei ausprobieren!






7. Was ist das denn: „Klavierohrtraining“

Klavierohrtraining

Klavierohrtraining ist erhältlich als App für iOS und Android. In der Basisversion wird Werbung geschaltet. Die Premiumversion (werbefrei) gibt es im Abo für $19,99 jährlich.

Was ist das denn?

Klavierohrtraining – ein komischer Name, – das klingt wie ein Film von Till Schweiger, nicht wahr? Das billige Übersetzungsprogramm ist schuld, das „Piano Ear Training“ ins Deutsche gebracht hat. Das ist aber nicht das Einzige, was an dieser App komisch ist.

Der Funktionsumfang verspricht: Höher/tiefer unterscheiden, Tonhöhen treffen, Intervalle bestimmen, Dur- und Mollakkorde unterscheiden, Intervalle vergleichen, Akkordprogressionen bestimmen und – wer hätte es gedacht – Melodie-Diktat.

Aber bevor wir soweit kommen, sind wir schon verstimmt – jede zweite Funktionswahl wird (ähnlich wie bei den unsäglichen Bilderspaßprogrammen für Teenies) von einer Werbeeinblendung gestört, die sich erst nach 5 Sekunden wegklicken lässt. Gerade wenn man – wie ich – vorher eine Zahl sehr seriös konzipierter Programme durchgetestet hat, erscheint die aufdringliche Werbung völlig untragbar.

Das nervt beim Klavierohrtrainer – dauernd muss man diese Werbung ertragen
Das nervt beim Klavierohrtrainer – dauernd muss man diese Werbung ertragen

Melodie Dictation

Aber lasst uns trotzdem einen Blick auf die Melodie-Diktatfunktion werfen! Eine gute Idee, die wir bisher nur im Amadeus-Trainer gefunden haben: 25 Evergreen-Melodien (von „Schwanensee“ bis „Somewhere over the Rainbow“) stehen bereit. Aber wie schade – das Keyboard klimpert sie mir vor, sagt mir aber weder die Tonart noch den Anfangston an. Da wird selbst „Stille Nacht“ zum Blindflug. Die Melodie von „Somewhere over the Rainbow“ haben leider die Programmierer selbst nicht geübt, sie endet im Chaos. Die Titelmelodie von  „The A-Team“ kommt mit 52 Tönen daher – wie schade, dass man zwischendurch nicht einzelne Toneingaben korrigieren kann, wenn man sie selbst spielt. Was also auf den ersten Blick nach einer Super Idee aussieht, entpuppt sich als schlampig programmiertes Gimmick.






Fazit

Die aufdringliche Werbung verärgert ebenso wie die wenig ausgereifte Benutzerführung. Das verleidet einem jeden Appetit, die Vollversion – im Jahres- oder Monatsabonnement (!!) –  zu kaufen.

✅ der Name ist witzig – damit hört das Vergnügen aber auch auf

⛔️ Die Benutzerführung ist wenig ausgereift

⛔️ Das Melodie-Diktat hält nicht was es verspricht

⛔️ Präsentiert sich zwischen den seriösen Apps als „schwarzes Schaf“

➡️ Unsere Empfehlung: gleich wieder löschen!






Unser Schlusswort

Das ist spannend – in wenigen Tagen habe ich diese ganze Palette von Hörtrainer-Software ausprobieret und durchgecheckt. Es ist faszinierend, wieviel Kreativität in die verschiedenen Konzepte gepackt wurde. Die Zeit und der Platz hier im kurzen Test reichen nicht aus, um wirklich gründlich auf jeden einzelnen Entwurf einzugehen. Die Autoren der Apps mögen entschuldigen, wenn manche Vorzüge ihres jeweiligen „Babys“ hier nicht erwähnt wurden. Ich hoffe aber, ich kann mit diesen Beitrag meine Leser für Gehörbildung begeistern und ihnen im Dschungel der Angebote etwas Orientierung geben.