Was eine lehrreiche Lesung über das Bandoneon hätte werden können, verwandelt sich in diesem Hörbuch zu einer anrührenden, sinnlichen Collage aus Poesie, Fakten und Bandoneonmusik. Meine Empfehlung für alle Bandoneonfreunde: zugreifen!


Immer wieder mal begegnen wir einer CD, die besonderen Eindruck auf uns macht. Es ist dann eine ganz besondere Freude, sie in einer Rezension vorzustellen. So geht es mir mit der CD, über die ich hier schreiben will.

Von der wundersamen Wandlung des Bandoneons

Hervorgewachsen ist diese Hörbuch- und Musik-CD aus einer Live-Performance des Duos Jürgen Karthe und Fabian Klenzke, die als „Tango Amoratado“ auftreten. Der eine spielt Bandoneon, der andere ist Pianist. „Vom Erzgebirge nach Buenos Aires“ ist ein Live-Programm der beiden Musiker. Der Name sagt es: es geht um das Bandoneon und seine Wandlung vom Volksmusik-Instrument in Deutschland zur Stimme des argentinischen Tango bis hin zum Tango Nuevo.


Von Wäscheleinen und Spielvereinen

So hat man das noch nie so dicht beieinander gehabt: die vollständig recherchierte Kulturgeschichte des Bandoneons, angefangen mit Uhligs Concertina in den 1830er Jahren, der Notation im „Wäscheleinensystem“, dem Bandoneon als „Klavier des armen Mannes“, dem deutsche Einheitsbandoneon und der flächengreifenden Gründung von Bandoneon-Spielvereinigungen in Deutschland, bis zum Verbot der Bandoneonvereine durch die Nazis und der neuen Karriere in Übersee, die inzwischen lange schon begonnen hatte: Das Bandoneon aus Deutschland als Einwanderer zwischen Einwanderern in den Arbeitervorstädten am Rio de la Plata.


Hier erzählt das Bandoneon seine Geschichte selbst

„Vollständig recherchierte Kulturgeschichte des Bandoneons“ – das klingt viel zu trocken. Der Trick, mit dem die beiden daraus eine anrührende Geschichte gestalten, ist ganz einfach: Sie lassen das Bandoneon selbst erzählen, mit der Stimme des Pianisten Fabian Klenzke. Das beginnt dann so:

„Pascual hat mal gesagt: ich sei ein verlassenes Kind. Ja, das hat er. 1928 in seinem Lied „Bandoneón Arraballero“ – Vorstadtbandoneon. Auch wenn mich diese Beobachtung schmerzt – ich schätze diesen Mann von ganzem Herzen. Pascoal Contursi, diesen Vater der sentimentalen argentinischen Tangodichtung. Und er hat verdammt noch mal recht damit…“ 


– worauf natürlich sofort dieser Tango namens „Bandoneón Arraballero“ zu hören ist; und zu jeder der Lebensstationen unsres Protagonisten, von denen er jetzt erzählen wird, erklingt umgehend die zugehörige Bandoneonmusik, ob es das sächsische Volkslied „Vergass Dei Haamit Net“, die „Heinzelmänchen-Polka“  oder ein typisch europäisch-kontinentaler Tango ist oder später die Highlights der Bandoneon-Literatur Argentiniens mit Kompositionen von Troilo und natürlich von Astor Piazzolla.


Collage aus Fakten, Poesie und viel Musik

Was eine lehrreiche Lesung sein könnte, wird durch dieses persönliche Erzählen unsres Helden und durch die Allgegenwärtigkeit der Bandoneonmusik zu einer wunderschönen, sinnlich nachvollziehbaren Collage aus Fakten, Poesie und Musik.

Eine ganz eigene Story ist es dann übrigens, wie diese CD zustande kam. Dr. Jörg Bleymehl, ein glühender Freund des Bandoneons, ist Professor für Mediengestaltung an der HTWK Leipzig. Er war begeistert von dem Live-Programm und gab den Musikern die Möglichkeit, im Tonstudio seiner Fakultät diese CD aufzunehmen. So sorgten die jungen Mediengestalter für professionelles audio engeneering und für eine liebevolle Gestaltung des informativen Booklets. Gut gelungen!


Die CD ist bei GOLDMUND Hörbücher erschienen und für EUR 16,– überall erhältlich.  Wer das Bandoneon liebt, bekommt hier meine Empfehlung, zuzugreifen!

Peter M. Haas