Das Mittelalter: Eine stille Welt?

Manchmal versuche ich es mir vorzustellen: Wie mag es hier im Mittelalter gewesen sein? Kein Fahrrad, keine Navi, keine Telefone.
Willst du Musik? Dann musst du selber singen. Aber wenn es – selten genug – Schwoof gibt im Dorf? Eine Heirat oder ein Dorffest? Bleibt es dann auch so still? Im Wirtshaus? In der Stadt? Am Hofe der Fürsten?


Das Mittelalter: Musik überall

Natürlich gab es dann allerorten Musik! In Wirtsstuben, Herbergen, Wirtshäusern: „Spielweiber, Volkssänger…, Lotterpfaffen, Gehrende aller Art erschienen in den Schenken zu jeder Tageszeit. Begüterten Reisegesellschaften folgten Schwärme von fahrendem Volk…“  (1) Im Dorf traf man sich unter der Dorflinde zum Tanz. In der Stadt war es oft das Badehaus, wo der Spielmann zwischen den Badebottichen umherläuft oder auf der Fensterbank sitzt, und vor allem das Bürgerhaus bzw. Tanzhaus.

Die fahrenden Spielleute – im Mittelalter waren das die eigentlichen und einzigen Fachleute für Tanz- und Unterhaltungsmusik. Dennoch waren sie ausgegrenzt aus der weltlichen Rechtsordnung: Sie waren recht- und ehrlos durch Geburt. Häufig durften die Leichname gestorbener Spielleute nicht in geweihter Erde bestattet werden, sondern wurden auf freiem Feld verscharrt. „Stolp, stolp, Stölperlein, hier wird ein Pfeiffer begraben seyn“ – so spottete noch Hans Sachs.


Heidnisches Erbe

Hinter dieser Rechtlosigkeit verbirgt sich mehr als die Tatsache, dass die Spielleute unsesshaft waren. Ihr Wirken erinnerte unbequem an alte heidnische Zeiten. Gesang und Tanz haben kultische Wurzeln; im Bild des Spielmannes lebte der Schamane und sein magischer Einfluss weiter. Der Kirchenobrigkeit war das sehr zuwider.

Schon im 4. Jahrhundert hatte sich die Kirche in Konzilsbeschlüssen gegen Instrumentalmusik, ja sogar gegen Mehrstimmigkeit in der Musik ausgesprochen. Musik durfte es nach dem Willen der geistlichen Herren nur zum Lobe Gottes geben. Die Spielleute waren „ministri satanae“, also „des teuffels mesmer“ und daher „verworfen an der helle grunt“. (2)


Musikzauberer

Es war also durchaus ein Propagandaschachzug, die Spielleute als wildes Volk darzustellen. Oft waren es aber tatsächlich richtig freche Gesellen, und letztlich gehörte das auch zu ihrem Beruf. Sie waren ein Teil des fahrenden Volkes und mischten sich in das Heer der fahrenden Gaukler, Hellseher, Wahrsager, Zauberer, Dompteure und Artisten. Man kann sie, ohne zu übertreiben, als die Urahnen der modernen Rockmusiker sehen. Oft gaben sie ihren Ensembles klingende Namen wie „Hans Sawermillich und seine gesellen(3). Am Schluss des letzten Stückes zerriss der Spielmann oft eine Saite seiner Fiedel oder zerbrach den Bogen – eine Tradition, die auf den Rockbühnen des 20. Jahrhunderts aufgegriffen wurde. „Der fahrende Musiker des Mittelalters war nicht… ein demütig Dienender…, der als „Engagierter“ stundenweise bezahlt wurde und lustlos neben dem freudig bewegten Publikum aufwartete. Viele Bilder zeigen nämlich, wie er den Ton angab, als mächtiger, aufwühlender Musikzauberer.“ (4)


Freiberufler

Heutige Musiker können sich freuen – die Sozialversicherung für freischaffende Künstler ist eine sozialdemokratische Errungenschaft der 1970er-Jahre. Fahrende des Mittelalters mussten – ob frech, ob demütig – um ihr Honorar betteln. Das galt nicht nur für die Dorfmusikanten, sondern auch für die Spielleute, die am Hofe der Herrscher musizieren durften. Selbst ein renommierter Minnesänger wie Heinrich von der Vogelweide war auf die „Milte“ seiner höfischen Auftraggeber angewiesen.


Auf welchen Instrumenten spielten sie?

Verbreitet und praktisch (weil auch von einem einzigen Musiker schon zu spielen) war die Kombination der Einhandflöte mit einem kleinen Trümmelchen (bzw. Päucklin). Neben Pfeifen und Fiedeln kannte das Mittelalter eine Vielzahl von Instrumenten wie Harfe, Rotte und Rebecs. Einen durchdringenden Klang hatten Rohrblattinstrumente namens Krummhorn. Standardisierte Besetzungen gab es in der einfachen Spielmannsmusik nicht; die aktuelle Besetzung ergab sich, wenn sich mehrere Spielleute zusammengesellten, aus dem, was jeder spielen konnte und ins Zusammenspiel einbrachte.


Wie klingt die Spielmannsmusik?

Kurze Themen, Ein-oder Zweizeilern entsprechende Melodien, bildeten das Repertoire der Musik, die zum Tanz aufgespielt wurde. Akkorde, wie wir sie heute kennen, gab es im Mittelalter noch gar nicht. Oft spielte man – ähnlich der Dudelsackmusik – über einen Bordunton, oder mehrere Instrumente umspielten die Melodie, spielten sie im Quintabstand und wandelten sie improvisatorisch ab. (Etwas davon habe ich in der Duett-Version des Stückes La Rotta angedeutet.)

TIPP: Auf meiner download-Seite findest du ein Arrangement des Stückes „La Rotta“ für Akkordeon Solo bzw. im Duett mit einem Melodieinstrument und kannst die Musik als mp3-Datei anhören!


Keine Noten

Nichts von dieser Musik wurde nach Noten gespielt. „Jegliches Musizieren zum Tanze war bis ins 16. Jahrhundert hinein ein extemporiertes, das der Vorschrift durch ein… Notat nicht bedurfte. In diesem Bereich war noch eine kollektive Memorialkultur intakt.“ 

Überliefert ist von den Melodien der Spielleute fast gar nichts. Wie kann das sein? Es gab doch genug schriftkundige Mönche! Deren Verachtung und Ignoranz aber hielt sie davon ab, sich mit den Liedern des gemeinen Volkes und den Weisen der verhassten Spielleute zu beschäftigen. So wurde fast nie etwas aus dieser Musik für die Nachwelt aufgezeichnet. Eines der wenigen überlieferten Tanzstücke ist das Tanzthema La Rotta.

Bis in die 1960er Jahre hat man die wenigen überlieferten Themen der mittelalterlichen Musik gesittet und gewissermaßen museal aufgeführt. Erst mit den 1970er Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, welches Maß an Kraft und rhythmischer Wildheit zu dieser Musik gehört. Großartige zeitgenössische Interpretationen mittelalterlicher Tanzmusik liefert aktuell das englische Ensemble Dufay Collective.

Hier siehst du im YouTube-Video die Interpretation des Themas „La Rotta“ vom Dufay Collective!



Gab es auch Spielfrauen?

Ja, die gab es. Tatsächlich sind zahlreiche Frauen in den historischen Quellen erwähnt, die das Gewerbe der ioculatrix ausübten. Das hat freilich nichts mit einer besonderen Wertschätzung der Frau zu tun, im Gegenteil: die aufkommenden Zünfte, in denen Musiker sich zusammenschlossen, standen nur Männern offen. Für musizierende Frauen gab es nur die Möglichkeit, sich als fahrendes Spielweib durchzuschlagen. „Diese teilte die Unsicherheit des Lebensunterhalts mit ihren männlichen Berufskollegen. Sie wurde jedoch gewöhnlich geringer entlohnt… Nur wenigen gelang es, sich eine geachtete Stellung zu erspielen, wie etwa jener »Isabel, ministrera de la senyora reyna« (Spielfrau der Königin), die 1384 in Aragon angestellt war.“  (6)


Die große Zeit der Spielleute

Das ganze Mittelalter hindurch trugen die Spielleute Tanzmusik durch ganz Europa. Zeugnis davon legen die Rechnungsbücher der Städte ab. In der belgischen Stadt Mecheln etwa (die damals ein bedeutender Handelsort war) „wurden z.B. in den Rechnungsjahren 1407/08 168 Spielleute und 1418/19 gar 215 Fahrende (darunter 24 Trompeter, 72 Pfeifer, 61 Fidler, Lautenschläger, Harfner) entlohnt. Diese stammten aus den größeren Städten der gesamten Niederlande, aber darüber hinaus auch aus Köln, Trier, Hessen-Nassau, Sachsen, Brandenburg, Baden, Wien und von den britischen Inseln. Hier gaben sich gelegentlich also Spielleute aus ganz Mitteleuropa ein Stelldichein.“  (7)

Überliefert ist der Auftrag, den Juan I. von Aragon seinen „ministriles“ auf den Weg gab, die nach Kastilien zu einer Fürstenhochzeit gingen, nämlich „les cançions novelles que vos sabets, que n monstrets als ministrets del marques, tantes quantes aprendre vullen“ (8) – soviel neue Lieder wie möglich von den anderen Spielleuten zu lernen und nach Hause mitzubringen!


Vom Niedergang der Spielleute

Zwei Neuerungen der beginnenden Moderne drängten die fahrenden Spielleute aus ihrer bedeutenden Rolle: Zum einen entstanden zunehmend Spielmannsschulen und Spielmannszünfte, in denen die Musiker sich in die städtische und ständische Ordnung einfügen konnten. Zum anderen war es der aufkommende Notendruck, durch den es einfach wurde, musikalisches Material in großer Auflage zu vervielfältigen, zu teilen und mitzuteilen.

Nach und nach sanken die freien, fahrenden Spielleute in ihrer Bedeutung ab. Die allgemeine Geringschätzung galt nicht nur ihnen als den nicht sesshaften Vagabunden, gering geschätzt wurde auch ihre Art zu musizieren: Spiel nach Gehör, Vermittlung durch „Zeigen und Nachmachen“, wildes improvisatorisches Spiel – alle diese Spielmannstugenden wurden im Lauf der folgenden Jahrhunderte sehr gering geachtet. Erst mit dem Einfluss von Blues, Rock’n’Roll und Jazz kam das uralte, wilde Erbe der Spielleute wieder zu seinem Recht.


Akkordeon – frei von Kitsch und Schund

Auch die Tradition des Akkordeons ist von dieser Verachtung des Spielmännischen belastet. Als die Firma HOHNER in Deutschland sich erfolgreich anschickte, das Pianoakkordeon bei bürgerlichen Kreisen populär zu machen, musste das Akkordeonspiel und der Akkordeonunterricht nach Noten überhaupt erst aus dem Nichts erschaffen werden – Lehrer, Komponisten, Ensembles mussten mobilisiert werden.

Das hieß aber auch, dem Wildwuchs von Dorfmusik und „Negermusik“ entgegenzutreten. „Um aus dem Akkordeon ein seriöses Musikinstrument zu machen, musste – so glaubte man – seine Schmuddel-Herkunft, die Erinnerung an seine Geschichte, ausradiert werden. … Ein Mitglied des Trossinger Akkordeonvereins hatte wiederholt bei einer hiesigen Jazzkapelle öffentlich gespielt. Nach einer kurzen Diskussion, in deren Verlauf der Betroffene wenig Einsicht zeigte, verfügte der Ausschuss kurzerhand seinen Rausschmiss.“  (9) Hugo Herrmann, der Leiter der Trossinger Akademie, brachte es auf den Punkt – es gehe darum, „die vielfach verwilderte, rein improvisatorische Spielweise im Volke methodisch und spieltechnisch zu disziplinieren.“ (10)

Jahrzehntelang war es seither der Hauptfokus der deutschen Akkordeonszene, das Instrument als Bestandteil der seriösen Musikkunstszene zu etablieren. Erst mit Beginn des neuen Jahrhunderts lockerte sich die Sichtweise, und die Schützengräben zwischen den Lagern der Volksmusik, der Weltmusik und der akademischen Musik begannen zu verschwinden. 


Bal Folk – die jungen Erben der Spielleute

Inzwischen ist europaweit eine neue, junge Szene von Musikern und Tänzern entstanden, die die überlieferten Volkstänze und Tanzmelodien pflegt. Sie nennt sich „Bal Trad“ oder „Bal Folk“. Im Gegensatz zu den kommerziellen „Mittelalter-Rock“-Bands versteht sich die Szene überwiegend alternativ und nicht-kommerziell.

Jährliche, wichtige Festivals der Szene sind u.a. das Festival Interceltique de Lorient in der Bretagne und Le Grand Bal d’Europe im französischen Örtchen Gennetines; in Deutschland ist das Rudolstadt-Festival für Roots, Folk, WeltMusik das größte, überregional bedeutende Event.


Den Pionieren dieser Bewegung war es darum gegangen, historische Tanzstücke wiederzuentdecken. Inzwischen nimmt die Zahl der Eigenkompositionen deutlich zu, und die jungen Ensembles unternehmen Annäherungen an Jazzimprovisation und Experimente mit den verschiedensten, auch nicht-traditionellen Instrumenten. 

Wikipedia schreibt zur Musik des BalFolk: Viele Musiker halten sich nicht streng an die Noten des jeweiligen Stückes und variieren beziehungsweise improvisieren. Dies wird dadurch begünstigt, dass viele Bands auswendig spielen. Dadurch und durch die Wechselwirkung mit den Tänzerinnen und Tänzern entsteht die Spannung, die nötig ist, um einen Tanz lebendig zu halten.“ 

Das sind sie wieder, die alten Spielmannstraditionen!






Anmerkungen

[1] dieses und folgende Zitate aus Walter Salmen, Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter, Kassel 1960

[2] Freilich war die ursprüngliche Eiferei der Dogmatiker schon im 13. Jahrhundert längst von der Praxis überholt. Oft spielten selbst in den Kirchen Spielleute zum Tanz, und die Nonnen tanzten dazu. Woher man das weiß? Das ist belegt durch zahllose schriftliche Edikte, in denen die Kirchenobrigkeit befahl, dass es damit sofort ein Ende haben müsse!

[3] A.D. 1511 in Ochsenfurt

[4] zit. nach Walter Salmen, Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter, Kassel 1960

[5] Walter Salmen: Tanz und Tanzen vom Mittelalter bis zur Renaissance, Hildesheim 1999, S. 106

(6) Walter Salmen: Beruf: Musiker – verachtet – vergöttert – vermarktet, Kassel 1997, S. 31

[7] Walter Salmen: Der Spielmann im Mittelalter, Innsbruck 1983, S. 95

[8] ebd., S. 113

[9] Christoph Wagner: Das Akkordeon – eine wilde Karriere, Berlin 1993, Seite 130

[10] zit. nach Wagner, a.a.O., Seite 138