Peter M. Haas:
Im Oderbruch bei Tobias Morgenstern

 

Tobias Morgenstern ist einer der seltenen deutschen Akkordeonisten, die klassisch studiert haben, sich aber dann konsequent und kreativ den Bereichen JazzRock, Jazz und Chanson gewidmet haben. Und noch etwas zeichnet ihn aus: Welcher andere Musiker hat sich sein eigenes Theater aufgebaut?
Sein „Theater am Rand“ heißt nicht umsonst so, denn es liegt tatsächlich am Rand der Republik, in der stillen Landschaft des Oderbruchs, gerade mal 300 Meter, bevor Deutschland aufhört. Wer Morgenstern näher kennen lernen will, besucht ihn also am besten dort draußen, sieht sich eine Vorstellung an und findet dann Zeit für ein Gespräch.

Fakten, Fakten, Fakten…

Bevor die Reise los geht, sauge ich erst einmal ein paar Eckdaten aus dem Netz. Tobias Morgenstern ist mir zwar schon längst ein Begriff, aber so ganz genau weiß man’s halt oft doch nicht. Also Notizen gemacht: Musikstudium in Weimar bis 1981, dann Arrangeur für das Erich-Weinert-Ensemble; später selbst Dozent für Akkordeon und Improvisation an der Berliner HFM Hanns Eisler. Beim jährlichen Akkordeonwettbewerb in Klingenthal ist er als Jurymitglied mit dabei. In zahlreichen Projekten hat er im Lauf der Jahre namhafte Sänger und Schauspieler begleitet: Reinhard May, Barbara Thalheim, Tim Fischer, Armin Müller-Stahl sind wohl die bekanntesten Namen. Seine erste, eigene Ensemble-Gründung datiert zurück auf das Jahr 1987: „L’Art de Passage“ war die erfolgreichste Jazzrock-Formation der DDR und findet sich bis heute zu jeweils neuen Auftritten oder CD-Projekten zusammen.

Zur Einstimmung für das Interview ziehe ich mir die erste „Art de Passage“-Schallplatte auf den mp3-Player: „Sehnsucht nach Veränderung“. Das ist super, nach langer Zeit wieder diese optimistischen, buntfarbigen Jazzrock-Arrangements zu hören. Rhodes-Piano, Gitarre, Bass, Drums, und mittendrin tummelt sich Morgensterns Akkordeon.

Auf ins Oderbruch

Diese Musik begleitet uns dann am nächsten Morgen auch im Autoradio auf unserer Fahrt an den Rand der Welt: Eigentlich hatten meine Freundin und ich die Fahrräder besteigen wollen – das wären dann 12 km vom nächsten Regionalbahnhof gewesen -, wir waren dann aber doch ganz zufrieden mit unserer Wahl, im Pkw anzureisen. Etwa 1 1/2 Stunden braucht es von Berlin, bis man über immer kleinere Straßen-Abzweige schließlich die Zollbrücke der Zäckeritzer Loose erreicht.

Neugier unterwegs: was uns wohl erwartet? Einige Freunde und Freundinnen aus Berlin waren ja längst da gewesen, hatten von ihrem Besuch erzählt, nicht ohne Begeisterung, aber auch nicht ohne hinzuzufügen: es sei schon vieles dort selbst gemacht und mehr oder weniger improvisiert… Bilder von ungepflasterten, schlammigen Zufahrtswegen, romantisch von Unkraut zugewuchert, und von schnell zusammengenagelten Bretterhütten und -Zäunen spuken durch meine Fantasie, formen ein Erwartungsbild, das dem Herbstquartier eines heruntergewirtschafteten Wanderzirkus gleichen könnte. Dazu kommt die Lage „am Rand“: wir sind Sonntag früh zur Matinee-Vorstellung unterwegs, immer einsamer die schmalen Straßen um uns herum: Wie viele Neugierige sich wohl – gleich uns – am Sonntag früh in dieser verlassenen Gegend in dieses entlegene Theater verirren mögen? 5, 10, 15 Gäste vielleicht?

Aber genug spekuliert – ein letzter Abzweig, und wir fahren direkt auf die Oder und auf Zollbrücke zu. Wir brauchen uns nicht lange durchzufragen, um das Theater zu finden. Die Ortseinfahrt wird dominiert von einem linker Hand platzierten Kuppelbau mit zugehörigem Turm. Was da über dem Theaterbau aufragt, beherbergt einen großen Sonnenkollektor, mit dessen Hilfe die Luft im Theatersaal winters aufgeheizt werden kann. gerade mal Zeit, einige Blicke in die Runde zu werfen: Rechts vom Haupt-Theaterbau der Rundblick über Café-Sitzplätze im weidenverhangenen Garten, ein Durchblick zu einem mediterran anmutenden, ockerfarben getünchten Nebengebäude, hinter dem Theaterbau eine Freilichtbühne – – das alles verdichtet sich zu ersten Eindruck: „Mensch, das ist aber schön hier!“, und schon müssen wir rein, schnell noch zwei Kaffee an der kleinen Cafeteria-Theke ordern, und ab geht es in den Zuschauerraum.
Auch hier nur noch kurze Zeit zum Staunen: Ja, das ist ganz offensichtlich keine „Industrie-Architektur“, da ist vieles selbst gemacht, aber auf welchem Niveau: Die Publikums-Ränge aus mächtigen, massiven rohen Bohlen gefügt, in frechen Winkeln, die mich spontan an unsere wunderschöne, Westberliner Philharmonie erinnern, im Kleinen natürlich. Zwischen diese asymmetrischen Ränge schmiegt sich die Kanzel der Licht- und Tontechniker. Von oben geht der Blick abwärts auf das Bühnenrund, schwarz verhängt, in dessen Begrenzung die stützenden Baumstämme – naturblond leuchtend – organisch einbezogen sind. Das ganze fasst bis zu 200 Zuschauer; heute sind es nur 80, so wenige kommen nur selten, sagt uns Tobias Morgenstern später, aber jetzt fängt erst einmal die Vorstellung an.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Gegeben wird heute: „die Entdeckung der Langsamkeit“. Der Schauspieler Thomas Rühmann liest aus dem Roman von Sten Nadolny. Es geht um den jungen John Franklin, der nur in Zeitlupe denken und handeln kann, so dass er die Welt fast tatenlos und hilflos vorbeirasen sieht. Das ist ernst und auch ein bisschen beklemmend; schade: der Rezitator betont eher die Komik (die ja bei einer solchen existentiellen Behinderung eine unfreiwillige Komik, eher eine Tragikomik ist), als wäre er allzu sehr darauf aus, sich mit dem Publikum zu verkumpeln und den Saal beifällig kichern zu hören. Daneben sitzt Morgenstern mit seinem Akkordeon, sagt kein Wort, aber steuert dem Hörspiel den Hörspielton bei. Und hier ist nun nichts aufgesetzt oder markiert, das ist einfach schöne, sprechende Musik, die sich – je nach Notwendigkeit – von sanften Klängen bis zu wilden Free-Passagen der entsprechenden Mittel bedient und natürlich dann und wann auch Geräusche und Vokalparts (Meeresrauschen mit dem Balg, Heart Beat des sterbenden Matrosen, panische Rufe bei Seenot) mit einbezieht. Das alles macht Morgenstern ganz unspektakulär, aber wunderschön, so dass das Zuhören einfach nur so eine Freude ist. Besonders bemerkenswert: die unglaubliche Schmiegsamkeit im Bassklang seiner Akkordeon-Musik. Das weht einfach so zum Ohr rein und gleich weiter in die Seele, – selten bei Akkordeonklängen vom Standard-Bass. (Da muss ich doch nachher mal nachfragen…)

Eine Besonderheit dieses Theaters, so alt wie das Theater am Rand selbst: Der Eintritt ist umsonst. Das Publikum wird gebeten, dafür beim Ausgang etwas da zu lassen, zweistellig möge der Betrag doch sein, regen die beiden Akteure nach dem Schlussapplaus an. Am Ausgang stehen dann die beiden Theaterbesitzer, flankiert von zwei gigantischen Einmachgläsern (für die Geldscheine), bereit für ein kleines Gespräch mit den Besuchern und eine letzte Verabschiedung. Nach etwa einer knappen halben Stunde hat sich alles zerstreut, – Zeit, sich mit Tobias Morgenstern unter der große Eiche neben dem Fachwerkhaus zu einem Gespräch zusammenzusetzen.

Wie es losging…

Ursprünglich hatte Morgenstern nur irgend etwas auf dem Lande gesucht, eine Ecke, um seine Ruhe zu haben. Schon zu Ostzeiten bekam er Gelegenheit, dieses Grundstück zu kaufen, für 20.000 Ostmark damals. Vorbesitzer war übrigens die Familie Seidel, die Zweitunterzeichner vom Neuen Forum, denen die neue, demokratische Aufregung keine Zeit mehr ließ zum Abhängen fern von Berlin. Bald richtete Morgenstern hier draußen sein Studio ein, verlegte auch seinen Hauptwohnsitz hierher.

Lange schon war er mit dem Schauspieler Thomas Rühmann befreundet. 1998 planten sie ein gemeinsames Projekt: Es ging um das Kultbuch von Annie Proux, „Das Grüne Akkordeon“. Rühmann dramatisierte die Texte, Morgenstern besorgte die Musik, beide gemeinsam führten Regie. Das Projekt war fast fertig inszeniert, da drohte es aus juristischen Gründen zu scheitern: Es erwies sich als unmöglich, die formellen Aufführungsrechte zu erwerben.

„Da haben wir gesagt: dann spielen wir es einfach hier im Fachwerkhaus, in der Stube. Wir laden ein paar Freunde ein, – dann haben wir die Arbeit nicht umsonst gemacht. Das war eigentlich die Initialzündung. Dann kamen ein paar Freunde, dann immer mehr und immer mehr und immer mehr, – dann haben wir einmal im Monat gespielt. Da hatten wir schon einige ansteigende Sitzreihen, später haben wir eine Wand rausgerissen, dann passten nicht mehr dreißig, sondern schon 60, 70 Zuschauer rein. Und so haben wir acht Jahre lang hier drinnen Theater gespielt. Und ich habe hier gewohnt, obendrüber. Das ist dann immer mehr gewachsen, zwei Vorstellungen pro Woche, im Sommer open air Veranstaltungen auf improvisierter Bühne, zur Weihnachtszeit haben wir ein Zirkuszelt gemietet mit Platz für 200 Leute, … so ist das organisch gewachsen.“ Irgendwann dann war es Morgenstern zu viel, das alles in seinem Wohnhaus zu haben. Ein richtiger Theaterbau musste her. „Ich habe dann angefangen zu entwerfen, und dieses ganze Ensemble von Gebäuden konzipiert: Modelle gebaut… und dann haben wir 2005 angefangen zu bauen.“

– Wenn man weiß, alles sei selbst geplant und selbst gemacht, erwartet man nicht so ein professionell umgesetztes und schönes Ambiente. Du hast das mit einem Architekten zusammen durchgezogen, oder?

Nee, nee, ich habe das alles alleine konstruiert und entworfen, auch den großen Theaterbau. Natürlich kenne ich sehr gute Bauingenieure, die die ganze Bau-Logistik mit mir durchgehen, und ein tolles Statik-Büro. Und dieser Solarturm, der jetzt über dem Theaterraum steht, da erwärmt ja die Sonne die Luft, und die warme Luft wird in den Fußboden runter geleitet, ein geschlossenes Zusatz-Heizsystem, das habe ich natürlich zusammen mit einem Architekten geplant, dem Günter Ludewig. Das hätte ich ja alles gar nicht selbst berechnen können. Den Turm haben wir zusammen gebaut. Aber das andere, das ist alles von mir.

– Wie habt ihr das alles finanziert?

Von vornherein hatten wir das Prinzip „Eintritt bei Austritt“. Mit diesen Einkünften bewirtschaften wir das ganze Theater. Inzwischen, über die Jahre, wurde das immer besser strukturiert, wir haben mehrere GBR’s und eine Betriebs-GmbH, wir wissen genau wie die Gelder fließen. Für den Theaterbetrieb bekommen wir keine Zuschüsse, da sind wir völlig autark. Für die neuen Bauten haben wir zweimal Zuschüsse aus einem EG-Entwicklungsfonds bekommen. Ansonsten arbeite ich viel mit Klein- und Kurzkrediten im Freundeskreis. Das neue Restaurant ist noch einmal eine ziemliche Herausforderung, denn das kostet einen ziemlichen Haufen Geld, – – aber wir brauchen es ja, vor allem im Winter. Dieser Bau passt sich ja auch wunderbar in das Gesamtbild ein… Naja, ich bin sowieso kein Freund von Architektur wie am Potsdamer Platz, das macht uns einfach krank. Organische Architektur wachsen lassen, sich an menschlichen Proportionen orientieren, – das kann ja eigentlich jeder, man muss sich nur damit auseinandersetzen. Unsere Toiletten sind so ein Beispiel. Wasserspülung wäre unglaublich aufwendig und teuer und hilft niemandem. Wir verwenden das moderne Trockentrenn-Verfahren, da fließt alles wieder in die Landwirtschaft, das stinkt nicht, stört nicht und kostet relativ wenig.

– Es pilgern nicht mehr nur die Großstädter in dieses Theater, auch viele aus der Umgebung, nicht wahr?

Sagen wir mal, etwa 60% kommen unmittelbar aus der Gegend, 20% sind Berliner, und der Rest ist noch von viel, viel weiter her, das gibt es immer öfter. Rund um das Theater haben wir ein paar Kleinbetriebe aufgebaut. Man muss ja den ganzen Ort fördern, nicht nur einen Tempel hinstellen und Theater spielen. Wir haben eine Übernachtungsagentur gegründet, die im letzten Jahr über 1000 Übernachtungen vermittelt hat. Im Nachbarort habe ich jetzt mit jungen Leuten zusammen einen Bauernhof gekauft, die beginnen mit ökologischem Landbau. So kommt eins zum anderen. Man muss sich ganz auf die Gegend einlassen.

– Das betrifft auch den Veranstaltungsplan im Theater?

Ja. Mit „Randthemen“ haben wir eine politische Veranstaltungsreihe mit regionalen Themen, wo hart diskutiert wird: Raps, Mais, Bibermanagement, Hochwasserschutz… Wir bekommen jetzt auch immer mehr Anfragen von Organisationen, die mal eine Informationsveranstaltung hier machen wollen. So eine Art vorauseilender ziviler Ungehorsam, das ist ja auch eine der Grundlagen für das, was hier steht, sonst wäre das alles nicht entstanden. Wäre ich mit allem gleich zu den Ämtern gegangen: „Seht mal, das plane ich“, hätten die wahrscheinlich gesagt: das geht alles nicht. Also habe ich oft erst einmal angefangen zu bauen. Dann geht man hin und sagt: seht mal, das haben wir hier, helfen Sie mal mit, wie bekommen wir das jetzt genehmigt? Aber man muss das ja auch alles im Zusammenhang betrachten. Vor zwei Jahren haben wir den Preis der kulturpolitischen Gesellschaft der Bundesrepublik bekommen, und vor zwei Wochen haben Rühmann und ich den Verdienstorden des Landes Brandenburg bekommen, – die sind schon auch stolz, uns hier zu haben. Das Bauamt war schon geschlossen hier, zur Weihnachtsvorstellung, als Betriebsausflug, also – das geht schon miteinander.

– Tobias, du spielst Akkordeon, aber auch Klavier. Welches Instrument kam bei dir zuerst?

Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Akkordeon zu spielen. Geübt habe ich nicht viel, also die Sachen die ich spielen sollte -, aber ich habe viel für mich gespielt und entdeckt. Meine Mutter hat immer gesagt: Mensch, nuddle nicht so rum. Ich hatte aber auch eine Lehrerin, die mir schon früh Liedbegleitung und solche Dinge beigebracht hatte. Nach der zehnten Schulklasse ging ich dann nach Weimar an die Musikhochschule. Dort studierte ich fünf Jahre lang Akkordeon und Komposition. Danach war ich in Berlin Musikdramaturg am Erich-Weinert-Ensemble, das war gewissermaßen das Bundeswehrorchester der DDR, mit Rockband & Bigband, das zählte dann für mich als Armee Zeit. Und als das vorbei war, haben wir 1987 L’Art de Passage gegründet.

– Ein improvisierender Musiker hat ja andere Maßstäbe als rein klassische Interpreten. Hattest du da Probleme mit dem Lehrbetrieb?

Ich hatte das Glück, dass schon an der Universität meine Dozenten mich da durchaus gefördert haben. Mein Diplomkonzert habe ich zweispurig gegeben: mit einem klassischen Teil und einen improvisierten Part. Später habe ich ja selbst jahrelang in Berlin an der Hanns Eisler Musikhochschule unterrichtet. Das Problem, das ich heute sehe: das was ich mit meinen Studenten immer gemacht habe, nämlich normales, allgemeines Handwerkszeug zu vermitteln, alles das müsste man zuerst lernen, dann erst sollte die Entscheidung zum Aufbaustudium kommen: Will ich mehr klassische Musik spielen, oder Jazz, Weltmusik oder was auch immer. Das finde ich besser als die Praxis an den Hochschulen jetzt, wo man die Studenten zu unglaublichen Konzertvirtuosen trimmt, aber sie können nicht einmal ein Lied begleiten. Und gerade beim Akkordeon ist das keine Hilfe, denn wir brauchen in der Berufspraxis das Instrument ja viel mehr in einer breiten Basis: begleite mal diesen Sänger, schaffe mal diese oder jene Atmosphäre, oder ganz einfach: spiele mal diesen Song! Viele Studenten werden ja dann Lehrer, und die brauchen ja eigentlich so eine breite Ausbildung.

– Von dir ist jetzt ein Musikbuch mit einer Sammlung von Stücken erschienen.

Ja, der AMA-Verlag hat mich bestürmt: „Wann schreibst du denn endlich dein Akkordeon- Buch?“ Und da musste ich im letzten Jahr eine Weile hart dran, mich jeden Morgen hinsetzen und ein Stück schreiben. Das war eine interessante Arbeit. Ich habe mir dabei immer wieder die Frage gestellt, jeden Morgen eigentlich: wie lasse ich eine Stückidee klingen, damit es ein kleiner poppiger Song wird. Egal, ob Pop, Country, Jazz – wie ist eigentlich das ursächliche Material, was muss man erwischen, damit der Hörer sagt: Jaaa, das kenne ich doch…

– Das Akkordeon, das du heute in der Vorstellung gespielt hast…

…das habe ich seit so etwa 4, 5 Jahren. Es ist ein Bortess, das habe ich mir von Rudi ?aric in Süddeutschland bauen lassen, nach meinen Vorstellungen.

– Für besonders weiche Klang-Ansprache? In deiner Bühnenmusik ist mir vor allem aufgefallen, wie sanft und einschmiegsam besonders deine Bässe klingen.

Ja, sie hat doppeltes 16“-Register im Cassotto, genagelte Stimmplatten und auch für den Bass spezielle Registrierungen. Ich benutze ja oft Akkordknopf – Kombinationen für Jazzakkorde, die dürfen oft nicht zu sehr mittenlastig klingen.

– Du spielst ja meistens Standard Bass…

Ja, aber nicht ausschließlich. Mein Instrument ist ein Konverter-Instrument, und gerade auch für klare Basstöne schalte ich dann um. Mein Instrument ist auch klein-mensuriert, es hat eine 96er Mensur, aber mit 120er Bassteil.

– Bei YouTube habe ich eine Live Version von Piazzolla’s Libertango gefunden, die du mit L’Art de Passage aufführst. Da ist mir gleich zu Anfang deine lockere Körperarbeit aufgefallen.

Meine Riemenführung ist auch anders. Es hat mich immer genervt, so eine Last auf den Schultern zu haben. Dann fiel mir auf, wie gerade die Bandoneonspieler sitzen,- so möchte ich auch spielen, dachte ich mir. Und probierte herum. Jetzt führe ich die Riemen unter den Armen auf den Rücken, dort kreuzen sie sich, und unten hake ich sie ein. Im Stehen geht das natürlich nicht, aber im Sitzen spiele ich so viel freier und unbeschwerter. Etwas Ähnliches wie mein System hat der Italiener Claudio Jacomucci entwickelt, zweiteilige Akkordeongurte, die auf der Alexandertechnik beruhen, man kann sie bei ihm im Versand bestellen.

– Dein Ensemble L’Art de Passage hat eine neue CD produziert, die jetzt erscheint. Wie wir hörten, sind es Tango-Aufnahmen?

Ja, die CD heißt Tango Evolucion, es sind mehrere Titel von Astor Piazzolla drin, aber auch einige Titel von anderen südamerikanischen Komponisten und zwei Eigenkompositionen. Es ist eine Trio-CD mit Stefan Kling am Piano und Wolfgang Musick am Kontrabass. Sie ist im Buschfunk Label erschienen.

– Tobias, was gibt es für neue Pläne bei dir?

Vor drei Jahren habe ich angefangen, mit drei südamerikanischen Musikern zu spielen. Damals hieß das Projekt: „sanfoneiro nordestino alemao“. Wenn man das aus dem Portugiesischen übersetzt, heißt das „Nordost-deutscher Akkordeonspieler“. Zwei Brasilianer, ein Musiker aus Uruguay und ich; ich spiele meine Volksmusik und eigene Kompositionen, die drei begleiten mich, aber sie spielen ihre Musik.

– Wie ist dieses Projekt entstanden?

Ich habe mich mal irgendwann gefragt, was eigentlich meine musikalischen Wurzeln sind; wenn du im Ausland bist, und die Freunde sagen: Ah, du bist Deutscher, dann spiel doch mal was Deutsches, da fängt dann ein Riesenproblem an. Was ist die Musik, mit der ich groß geworden bin, die typisch ist? Da bleibt nicht so richtig viel. Das ist bei den Franzosen oder Engländern anders, die haben eine viel kräftigere, stärker ausgebildete Folklore, die auch für Neuerungen offen ist. Das brachte mich darauf, diese Mischung zu probieren. Mit den drei spiele ich jetzt in diesem Jahr wieder, das Projekt habe ich jetzt „Morgenstern von Ipanema“ genannt. Ab Anfang September sind die ersten Auftritte festgemacht, die Premiere war am 4. September hier im Theater.

– Eine letzte Frage: es gibt ja viele Schubladen, in dem man Musiker beziehungsweise Musikstile einordnen kann. Welche Schublade würdest du selbst für dich wählen?

Oh, das lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. In den letzten Jahren habe ich immer konsequenter frei improvisiert und merke, dass das den größten Wert für mich hat. Ich kann jederzeit das Instrument nehmen und einfach „mich“ spielen. Aus dem Moment heraus etwas hervorbringen: das gelingt mal mal besser, mal schlechter, das muss man dann ertragen. Aber was man da hervorbringt, hat soviel mit einem selbst zu tun, und bringt mir viel viel mehr, als fertige, notierte Werke zu spielen. Ich stelle mir dann auch die Frage nicht: welcher Stil ist das jetzt – man fängt einfach irgendwo an, eine Landschaft, eine Atmosphäre, ein Ambiente – – mal sehen wo’s mich dann hin bringt, allmählich wird es dann vielleicht modern, und du merkst was für einen Spaß man hat, freitonal zu improvisieren, – nicht mühsam notiert und tagelang geübt, sondern aus dem Moment heraus, man improvisiert das und macht Zackzackzack, das ist der gleiche Effekt wie notierte, moderne Musik oder sogar noch besser, denn es ist ja gerade im Entstehen. – – Nach einer Weile bekommt die Improvisation dann Groove, was für einen, welcher Stil? Das ist völlig egal, – – also eigentlich gibt es für mich gar keine Schubladen mehr.

(c) Peter M. Haas, 2015
Erstveröffentlichung: akkordeon_magazin Heft #46