Neues für Bandoneon-Fans

Felix Tennigkeit stellt zwei neue Bandoneon-Schulen vor

Die folgende Rezension erschien im akkordeon_magazin #53. Mein Kollege Felix Tennigkeit hat mir erlaubt, den Artikel hier abzudrucken – vielen Dank!

 

 

Sicher lieben Akkordeonspieler und –Spielerinnen vor allem ihr eigenes Instrument und seinen Klang. Ab und zu könnte sich aber doch die Lust einstellen, einmal jenes andere, zauberhafte Instrument kennen zu lernen – diese Harmonika, die man auf dem Schoß spielt, dieses Instrument mit den verwirrenden Knöpfen auf den beiden Außenseiten, dieses Instrument, dessen Klang dem Akkordeon ähnelt, aber besonders transparent, besonders poetisch, besonders wandlungsfähig mit dem Fluss des Atems sein kann – – kurz gesagt: das Bandoneon.

Wer sich bisher auf die Suche nach einer Bandoneonschule machte, wurde kaum fündig. Die Suche im Netz brachte fast ausschließlich das Schulwerk von Peter Fries ans Licht, das um 1930 entstanden ist und das in Aufmachung und in den enthaltenen Stücken naturgemäß dem 90 Jahre alten Zeitgeschmack folgt.

Das wird jetzt anders, denn jetzt ist eine zeitgemäße Akkordeonschule erschienen – nein, stimmt gar nicht: Es sind gleich zwei neue Schulen, die im Sommer und Herbst 2016 an den Start gegangen sind.

Die eine hat Judith Brandenburg herausgebracht, die Berliner Bandoneonistin, die sich unseren Lesern schon im März 2015 mit ihrem Projekt „Tango des Monats“ vorgestellt hat.

Die zweite stammt von unserem Autor Peter M. Haas. Der spielt ja von Hause aus Klavier und Akkordeon, ist aber neuerdings auch dem Zauber des Bandoneons verfallen.

 

 

Peter M. Haas:
Bandoneon – die ersten Schritte

Gleich zu Beginn wird geklärt: dies soll keine Bandoneonschule für das systematische Erlernen des Instrumentes sein, sondern eher ein Leitfaden für den ersten Flirt mit dem Instrument. Für manche – zum Beispiel für Musiker, die am Akkordeon zuhause sind und mal „schnuppern“ wollen – dürfte das genau richtig sein.

„Bei meinen Recherchen im letzten Jahr („Bandoneon für Tastenspieler – gibt es das?“) erwarb ich ein kleines 110-töniges Schüler-Bandoneon“, schrieb mir der Autor dazu. „Der Instrumentenbauer kopierte mir eine Bandoneonschule von 1920 vom Datenstick auf den Laptop; ich hatte aber keine Lust, den ‚preußischen Reitermarsch’ und ähnliche Stücke auf dem Bandoneon zu üben. Da habe ich lieber mein eigenes Übungsmaterial zusammengestellt.“

Für den Einstieg im ersten Kapitel nutzt Haas einen Trick, den er den alten deutschen Schulen entlehnt hat: im Kernbereich des Grifffeldes ist gewissermaßen eine diatonische Harmonika versteckt. Dort kann man auf jeweils vier Tönen rechts und links ähnlich spielen wie auf der Mundharmonika: ohne die Knöpfe zu wechseln, deckt man durch Wechsel von Zug und Druck eine ganze Oktave ab. Für die allerersten Anfänge hilft das dem Spieler, Zutrauen zu gewinnen – ähnlich wie man die ersten Anfängerstücke am Klavier pentatonisch auf fünf schwarzen Tasten spielen könnte.

Viel Arbeit hat sich Haas gemacht, den Zugang für Bandoneon-Fremdlinge leicht und bildhaft zu gestalten. Viele aufwendige Grafiken, eingestreute Fotos, und sogar einige Hör-Quiz-Aufgaben beleben das Bild, ergänzend zu den anfangs elementar einfachen Stücken. Zum Buch gehört eine eigene Website, auf der ( – ade, Compact Disc!) die Audiodateien angehört und ein Video-Trailer angesehen werden können. Eine Foto-Galerie zeigt außerdem die Fotos, die im Buch schwarzweiß zu sehen sind, als Farb-Originale: hübsch!

Wer schon ein wenig über Bandoneons gehört hat, der weiß: es gibt verschiedene Griffweisen, in der Hauptsache das deutsche, 144tönige sogenannte Einheitsbandoneon und die – auf Heinrich Band zurückgehende – 142tönige „rheinische“ Knopfbelegung, wie sie auch in Argentinien gespielt wird. Was kaum einer weiß: Im mittleren Bereich stimmen beide Griffpläne fast völlig miteinander überein und sind wiederum deckungsgleich mit den 110-tönigen Schülerbandoneons. Darum passen Stücke und Grafiken dieses Buches tatsächlich für alle drei genannten Systeme.

Ideal also für alle, die auf das Bandoneon neugierig sind, bisher keine „Gebrauchsanleitung“ hatten und jetzt endlich einen Schnupperkurs absolvieren möchten!

Mehr Info: http://bandoneon.petermhaas.de

Das Buch kaufen: https://petermhaas.de/produkt/bandoneon-die-ersten-schritte/

 

Judith Brandenburg:
Mein Bandobuch

„Mein Bandobuch“ von Judith Brandenburg kommt in der Aufmachung etwas schlichter daher als das Buch von Haas – das schadet nichts, denn auf den Buchschmuck kommt es ja hier nicht an.

Auch Judith Brandenburg vermeidet das Wort „Bandoneonschule“ ganz bewusst. (Der Begriff „Schule“ ist ja auch oft genug strapaziert worden für manche eher öden Bücher voller drittklassiger Stücke.) Sagen wir es doch so: dieses Buch ist eine Materialsammlung zum Lehren und Lernen, zusammengestellt mit kundiger Hand und voller Liebe zur Musik.

Der Zugriff auf die verwirrend angeordneten Bandoneonknöpfe rechts und links könnte für Anfänger ein echter Alptraum werden. Brandenburg löst das Problem geschickt: die ersten Stücke sind zunächst einmal jeweils für eine Hand alleine komponiert.

Da allerdings geht es recht schnell zur Sache. Schon das erste „Spiel mit der rechten Hand“ auf Seite 8 lässt den Schüler Zeile für Zeile einen immer größeren Bereich der A-moll- und D-moll-Tonleiter erforschen; und auf der übernächsten Seite gibt es bereits die ersten chromatischen Einschübe. Dies ist kein Kuschelkurs für begriffsstutzige Anfängerchen, sondern Kraftfutter für Lernbegierige, das konzentriert und in kleinen Schritten angeeignet werden will.

Dennoch – die kühle Atmosphäre eines Leistungskurses kommt mit diesem Buch nicht auf, denn das Ganze atmet von vornherein die Liebe zur Musik, die Hingabe an den Klang und auch die Freundschaft mit dem oder der Lernenden.

Dafür sorgen immer wieder eingestreute gute Ratschläge („Singe! Es gibt keine technischen Übungen, es gibt nur Klang!“) und natürlich die Kompositionen des Buches selbst, mit Titeln wie „Das Rot der Hagebutten“, „Hibiscusblüte“ oder „Maronen und Zimt“. Kein Wunder – Judith Brandenburg ist ja nicht nur als professionelle Spielerin, sondern auch als Komponistin für das Bandoneon längst anerkannt.

Schritt für Schritt nähert sich das Material im weiteren Verlauf dann dem Tango: Erste Beispiele für Tango-Phrasierung, knackiges Staccato mit der Instrumenthaltung auf nur einem Bein, typische Tango-Synkopen – alles das können wir Schritt für Schritt ausprobieren und üben. Wer ernsthaft am Bandoneon interessiert ist, findet hier also reichlich Material und Anregungen für sein/ihr Studium: Super!

Noch zwei ergänzende Bemerkungen:

Die Stücke sind als Audioaufnahmen verfügbar. Wer das Buch kauft, bekommt von der Autorin eine email mit den Links zu den mp3-Dateien.

Und: Dieses Buch ist ausschließlich für das 142tönige, „rheinische“ Griffsystem der Tango-Bandoneons ausgelegt.

 

Info und Bestellung:

https://judithbrandenburg.bandcamp.com/
http://judithbrandenburg.com