Tobias Morgenstern:
Morgenstern’s Accordion

60 different tunes • AMA-Verlag

cover

Der AMA-Verlag hat ein neues Akkordeonbuch herausgebracht: „Morgenstern’s Accordion“ heißt es, das klingt schon mal gut, und der Untertitel verspricht: „60 different Tunes“, aha, also sechzig Stücke, die – ja was eigentlich? die alle verschieden sind?? oder die alle „anders“ sind?? Mal schauen.

Wie auch immer: „Morgenstern“ – das ist natürlich Tobias Morgenstern, einer der ganz wenigen deutschen, zeitgenössischen Player-Composers, die sich im Bereich zwischen Rock, Jazz-Rock und Jazz profiliert haben. Im September 2015 haben wir ihn in seinem „Theater am Rand“ besucht und ein Interview mit ihm geführt.

Wer Tobias Morgenstern kennt, der weiß von seiner großen stilistischen Bandbreite, aber auch von seinem Humor. Da erwartet man schöne Sachen – und wird nicht enttäuscht.

Die „60 different tunes“ umspannen die ganze Welt der Einflüsse, die Pop und Jazzrock in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben: Rock und Ballade, Boogie und Blues, Funk und Latin, Forro und Musette und… und… und… bis hin zu Anklängen an Meister Piazzolla und einigen ganz eigenen, mit dem Klang spielenden Kompositionen (mein Favorit: ein Stück mit dem kryptischen Titel „Before The Crossing“). Was schön ist: Morgenstern arbeitet nicht einfach die Klischees ab, sondern setzt immer wieder eins drauf: Tonartwechsel und allerhand überraschende Wendungen machen aus den Stilstudien originale, liebenswerte Kleinkunst-Meisterwerke. Irgendwo zwischendurch kriegt dann sogar die olle „Elise“ von Beethoven ihr Fett weg und wird, mit viel Spaß, quer durch den Quintenzirkel gejagt, dass der Rollator nur so quietscht.

So leicht sie zu hören sind – diese Stücke sind nicht leicht zu spielen. Die meisten fordern vom Spieler deutlich fortgeschrittene Gewandtheit. In der Einleitung gibt Morgenstern dem Leser und Spieler immerhin einige Musiker-Tipps. Reguläre Übungs-Hilfen (etwa zur lockeren Bewältigung synkopierter Rock- und Latin-Rhythmen) gibt es in diesem Buch nicht. Letztlich ist das auch nicht nötig, denn im selben Verlag (AMA) gibt es ja seit über 10 Jahren mit „AkkordeonSpiel“ ein umfassendes Lehrbuch für fortgeschrittene Spieler, die solche Dinge wie Latin-Rhythmen, Swing, Jazzakkorde etc. spielen und auch verstehen wollen.

Was nun aber ganz besonders schade ist: Morgenstern hat bei der Herausgabe seiner Kompositionen auf jede Bezifferung der Bässe verzichtet. Für die linke Hand fehlen also die deutschen Knopfnamen (die ich persönlich überhaupt nicht mag, an die aber nun eben doch viele Spieler gewohnt sind). Es fehlen aber auch die professionellen, international für jeden Musiker verständlichen Akkordsymbole, und auch die international für Akkordeon beliebte Umschrift im Bassschlüssel (1 Akkordknopf = Grundton-Note plus Hilfsbuchstabe) benutzt Morgenstern nicht: Jeder Akkord wird in diesem Buch einfach mit seinen drei klingenden Tönen im Notenbild angegeben, ohne weitere Lesehilfe. Das ist sicher gut für ehrgeizige Lehrer und ihre besten Schüler – – aber sehr viele Liebhaber-Freizeitmusiker dürften da abgeschreckt werden.

Schade, denn die Stücke sind durchgängig so lustvoll komponiert und in Szene gesetzt, dass sie einen breiten Kreis von Fans verdient hätten!

(pmh)

[Veröffentlicht im akkordeon_magazin #46]