Bandoneon mit Tasten – gibt es das?
Dies ist nur eine dreiste Fotomontage. Aber vielleicht könnte man so etwas wirklich bauen? (Foto/Montage Peter M. Haas)

Das „Piandoneon“ vom Bodensee •

Kann man nicht einfach ein Tasteninstrument mit Bandoneonklang bauen? Es gibt eine Werkstatt am Bodensee, deren „Piandoneon“ verspricht, den sensiblen Klang des Bandoneons mit einem Akkordeongehäuse zu verbinden.

Unsere Reise nach Carlsfeld (siehe meinen Artikel „Das Akkordeon mit dem Double A“) hatte gezeigt: ein vergleichbares Experiment ist schon vor vielen Jahrzehnten unternommen worden, und zwar vom großen Alfred Arnold selbst. Das Ergebnis war allerdings enttäuschend: Trotz der Bandoneon-Stimmzungen klang das Instrument nicht im Entferntesten wie ein Bandoneon – es hatte einfach einen sehr kräftigen Akkordeonklang.

Es ergab sich aber noch eine heiße Spur für den Enthusiasten des Bandoneon-Klanges. Eine Werkstatt in Rorschach kündigte ein eigenes Instrument an mit den Sätzen: „Unser ‚Piandoneon‘ schließt die Lücke zwischen Bandoneon und Akkordeon: ein Instrument mit der Ausdruckskraft des Bandoneons, aber wie ein Akkordeon zu spielen.“

Auf nach Rorschach

Also – auf nach Rorschach. Wo ist das überhaupt? Vielen von uns fällt zu diesem Namen als erstes der Rorschachtest ein, der Psychotest mit den Tintenklecksen. Aber der Psychologieprofessor Rorschach hat mit der Ortschaft Rorschach nichts zu tun, er hat (obwohl Schweizer) auch nie da gewohnt. Rorschach ist eine kleine Gemeinde im Kanton St. Gallen, am Strand des Bodensees. Wer nach ganztägiger Bahnfahrt hier aussteigt, ist fasziniert: Zur einen Seite erstreckt sich der weite Blick über den gewaltigen Bodensee, zur anderen Seite hin geht es fast unmittelbar bergauf, und je höher man steigt, desto malerischer wird der Ausblick in alle Richtungen.

 

In Rorschach am Bodensee haben Vater und Sohn Untersee ihre Werkstatt für Harmonikas
In Rorschach am Bodensee haben Vater und Sohn Untersee ihre Werkstatt für Harmonikas

 

Nur wenige Querstraßen vom Rorschacher Zentrum bergauf, erreicht man die Kirchstraße, wo das Eckhaus Nr. 52  im Parterre die Akkordeonwerkstatt Untersee beherbergt. Zwei sind es, die diese Werkstatt gemeinsam führen: Vater Marco und Sohn Dani. Beides übrigens aktive und versierte Musiker (siehe die Schnappschüsse vom lokalen Flamenco-Fest); Marco am Akkordeon, Dani ist eigentlich Kontrabassist, ist aber auch ein guter Harmonika-Spieler auf den verschiedensten Griffsystemen. Schade – Marco ist heute verhindert, also empfängt mich Dani alleine.

 

Marco und Dani Untersee spielen auf dem Flamenco-Fest am Bodensee
Marco und Dani Untersee spielen auf dem Flamenco-Fest am Bodensee

 

Wer neu in den Laden kommt und sich gleich auf das legendäre Piandoneon stürzen will, wird von Dani ein wenig ausgebremst und erhält erst einmal eine Einführung in die Firmenphilosophie der Unterseer. Bei einem früheren Besuch hatte ich mich davon fast ein wenig überfahren und überfordert gefühlt. Inzwischen habe ich begriffen, dass man wissen sollte, welche Ideen hinter und in den Instrumenten stecken.

In der Grundhaltung der beiden Unterseer wohnt ein großes Misstrauen in die Erstarrung der Instrument-Typen und Bauweisen, die die industrielle Fertigung mit sich gebracht hat. Was damit gemeint ist, wird später klarer, wenn man die vielen Entwicklungen und Experimente der beiden Revue passieren sieht. Das Akkordeon, sagt Dani, sei in seiner industriellen Bauweise zu einer ziemlich seelenlosen, auf Effizienz bedachten Maschine hochgezüchtet worden. Darin sieht Dani aber auch den Grund oder die Widerspiegelung der oberflächlichen Haltung vieler Akkordeonisten, die nicht sagen: „Ich will lernen, sensibler und definierter zu spielen, und suche ein Instrument, das mir dabei hilft“, sondern: „ich möchte einen Apparat kaufen, der gut funktioniert und möglichst alles kann“. Vater und Sohn vereint ein unbändiger, neugieriger Forscherdrang, diese Standardisierung zu unterlaufen, Bau- und Klangvarianten zu testen.

Ein Beispiel von vielen ist die eigene Entwicklung von Stimmzungen. „Natürlich arbeiten wir mit den Stimmzungenherstellern zusammen“, sagt Dani. „Inzwischen haben wir die Schubladen voll mit Stimmzungen-Mustern aus aller Welt; und bei jeder neuen Entwicklung probieren wir aus, ob etwas davon geeignet ist. Besonders gute Erfahrungen machen wir mit unseren Lieferanten aus Tschechien: Die sind sehr flexibel und bereitwillig, auch auf spezielle Wünsche einzugehen. Oft stellt sich aber heraus, das alles nichts hilft, und wir die Stimmzungen selbst nachbearbeiten müssen.“

 

Voller eigener Ideen: Die „Tzigane“

Das erste Instrument, das die beiden selbst entwickelt haben, nennen sie „Tzigane“. Genaugenommen ist es nicht eine einzige Entwicklung, sondern steckt voller eigener Ideen. Schon hier ging es um das Ziel, ein Akkordeon zu bauen, das sensibler im Klang reagiert. Im Gegensatz zum herkömmlich gebauten Akkordeon ruhen die Stimmstöcke nicht auf einer massiven Platte, sondern auf schwingungsfähigem Holz, also einem echten Resonanzboden. So wird es ja auch beim Bandoneon gemacht. Der Gesamtklang des Instruments wird härter oder weicher, je nachdem, welches Holz hier verwendet wird.

Zu den zwei Akkordeonstimmen (meistens eine 16′ und eine 8′, beide – falls es der künftige Besitzer nicht anders wünscht – im Cassotto) ist eine dritte Stimme zuschaltbar, Dani nennt sie das „Gift“. Deren Stimmzungen ruhen nicht im massiven Akkordeon-Stimmstock, sondern sind flach auf den Resonanzboden aufgebracht, genauso wie es im Diskant des Bandoneons gemacht wird. Dadurch bekommt diese Stimme eine ungewöhnliche Direktheit im Klang.

Diese“ Tzigane“ haben Marco und Dani bereits vor 15 Jahren entwickelt. „Damals glaubten wir, mit der ,Tzigane‘ das ultimative Instrument entwickelt zu haben“, sagt Dani. „Wir hätten uns sicher darauf ausruhen können, bis an unser Lebensende eine ,Tzigane‘ nach der anderen herzustellen, Bestellungen genug hätte es gegeben. Aber nach einigen Jahren merkten wir, dass wir nicht dabei stehenbleiben möchten.“

 

Auf diesem YouTube-Video führen wir einige der Untersee-Instrumente vor
Auf diesem YouTube-Video führen wir einige der Untersee-Instrumente vor

Das „Piandoneon“

Marco und Dani starteten eine ganze Reihe neuer Projekte (siehe den Artikel unten im Info-Kasten); und das komplexeste Projekt und sicher die ehrgeizigste Herausforderung sollte das „Piandoneon“ sein. Der Name ist ein Wortspiel aus den Begriffen „Piano-Akkordeon“ und „Bandoneon“. Es basiert auf den Erfahrungen, die die beiden Harmonikabauer mit ihrer „Tzigane“ gesammelt hatten. Dieses Instrument ist – ohne Registerschalter – streng zweichörig im Oktavregister, wie es auch das Bandoneon ist. Wie schon das „Gift“ des „Tzigane“-Instruments sind hier beide Diskant-Chöre ausgeführt wie beim Bandoneonbau: durchgehende Stimmplatten statt eingewachste, einzelne Stimmplättchen, und diese Stimmplatten montiert im minimal flachen Stimmstock bzw. direkt flach auf dem Resonanzboden.

Das "Piandoneon" aus der Harmonika-Werkstatt Untersee
Das Piandoneon präsentiert sich in Silber und Schwarz

Diese ganzen Eigenarten prägen den Klang eigentlich mehr als die Wahl der Stimmzungen selbst, wie ich als Laie angenommen hätte. Aber hier, im „Piandoneon“, sind tatsächlich auch Bandoneon-Stimmzungen eingebaut. Das alles zusammen führt zu einem eigenartigen, ausdrucksvollen Klang, der stark an das Bandoneon erinnert (bevor ich lange versuche, den Klang mit Worten zu beschreiben: einige Audio-Hörproben gibt es hier).

Allerdings führte der Einbau der Original-Bandoneonstimmzungen zu einem Problem. Was wohl vorher niemand so genau gewusst hatte: Im Bandoneon, bei dem ein Balg mit kleinem Profil vom Spieler mit beiden Händen bewegt wird, entsteht beim Spielen ein deutlich höherer Luftdruck. Der Akkordeonbalg und die Akkordeon-Spielweise erzeugen solch einen hohen Druck nicht. Das Ergebnis: Die rhythmische Ansprache der Töne – vor allem der tiefen – ist beim Piandoneon etwas schwerfällig. Als ich versuche, schnelle Tango- und Milongaläufe zu spielen, geht das Instrument nicht mühelos mit. Balladenklänge dagegen haben einen ganz eigenen Zauber.

Dieses Piandoneon hatte ich bereits vor zwei Jahren kennengelernt. Als ich mich zum Interview anmeldete, sagte Dani am Telefon: „Peter, wir haben etwas Neues!“ Tatsächlich erwartete mich ein neuer Prototyp. Besonders bestechend sieht das kleine Ding nicht aus – kein Wunder: Um unbefangen daran herumbasteln zu können, haben Marco und Dani es in das Gehäuse eines alten Kinderakkordeons eingebaut. Diesmal sind es keine Bandoneon-Stimmzungen mehr, sondern – man höre und staune – Akkordeonstimmen, die aber kunstvoll flach gefeilt sind.

Das Ergebnis ist – nach meinem Geschmack – unglaublich charmant. Nein, es klingt nicht 100 Prozent „original wie Bandoneon“. Wer das jetzt erwarten würde, hätte immer noch nicht kapiert, wie komplex sich Instrumentenbau gestaltet.

Die (Standard-)Bässe stützen sanft – in schlichter Oktavstimmung -; der Diskant klingt zart und hell und klar, da ist einiges vom Zauber des Bandoneon-Klanges eingefangen (siehe das YouTube-Video).

Vorläufig ist das nur eine Studie im Testbetrieb. Noch muss sich erst beweisen, ob diese Bauweise mit solchen Stimmzungen auch im Korpus eines größeren Instruments den gewünschten Klang liefert. Sobald die beiden Männer Zeit für weitere Entwicklungsarbeit haben – in ein paar Wochen, in ein paar Monaten -, geht es weiter. Und die nächsten Stimmzungen-Experimente sind schon angepeilt… Dann könnte man jetzt also gar nicht hinfahren und ein fertiges Piandoneon sofort mitnehmen? Nein – aber das gibt es bei den Unterseern sowieso nicht. Gegen vorschnelle Spontan-Käufe sind zwei Sicherungen eingebaut.

Die eine Barriere ist ganz schlicht der Preis. Wer eine „Tzigane“ oder ein „Piandoneon“ will, bekommt ein maßgeschneidertes Einzelstück in Schweizer Handarbeit. Ja, wer schon mal in der Schweiz gefrühstückt hat, der ahnt: Mit einer Summe, die nur vierstellig ist, läuft da gar nichts. Das ist natürlich für arme Musiker bitter, zumal jetzt, wo sich die Wechselkurse für uns aus dem Euro-Ausland ungünstig verschoben haben.

Dani Untersee von der harmonika-Werkstatt in Rorschach
Dani Untersee (im Hintergrund betritt die nächste Generation die Szene)

Die andere Barriere sind die Lieferfristen. Wer jetzt bestellt, dessen Instrument wird erst in zwei Jahren fertig. Da greift nur zu, wer sich das alles gründlich überlegt hat. Wer sich darauf einlassen mag, mit dem entwickeln die Unterseer gemeinsam „sein“ (oder „ihr“) Instrument. So sehr Marco und Dani unwillig sind, den immer gleichen Instrumenten- Typ einfach nur zu reproduzieren: Bei einer solchen Aufgabe leben die beiden auf. Sie erforschen gemeinsam mit dem Musiker, welche Eigenschaften sein Traum-Instrument haben soll, und bauen es ihm. „Einerseits“, sagt Dani, „sind wir Gewerbetreibende, die mit dem Handwerk ihr Geld verdienen. Aber zum anderen leisten wir Forschungsarbeit, und diese Arbeit kann uns letztlich niemand bezahlen.“ Das sei eine „Herzblut“-Angelegenheit (und aus Danis Mund klingt dieses oft strapazierte Wort ganz wortwörtlich authentisch): „Stundenlange, nächtelange Arbeit, um an irgend einem Erfinder-Problem vertiefend weiter zu arbeiten; ab und zu wird man nachts wach, mit dem Gedanken, wie das Problem zu lösen wäre, fährt gleich frühmorgens in die Werkstatt, um auszuprobieren …“

„Reich werden wir dabei nicht“, sagt Dani. „Würden wir ein Schwyzer-Örgeli nach dem anderen bauen, hätten wir vermutlich längst mehr verdient. Aber so haben Lebe und Arbeiten Qualität für uns. Und so wollen wir weitermachen.“

Während wir darüber diskutieren, klingelt es an der Tür und eine von Danis Töchtern kommt herein. Ob sie einmal die Werkstatt übernimmt? Wer weiß schon, was passiert. Wir warten mal ab. Aber spannend wird es ganz bestimmt …

 

Ausprobieren, wie es anders geht:

Die Instrumenten-Projekte der Unterseer

Marco und Dani Untersee zeigen einen unbändigen Forscherdrang, die Standardisierung im Instrumentenbau zu unterlaufen und neue Lösungen zu finden. Wenn der Mainstream im Instrumentenbau sagt: „So wird es gemacht“, sagen die beiden: „Jetzt probieren wir es nun gerade anders“, mit den erstaunlichsten Resultaten.

Am meisten imponieren mir persönlich, was diesen Aspekt betrifft, die kleinen, leichten, weißen SperrholzBausatz-Instrumente. Die Bassmechanik des Akkordeons macht man aus Metall? Nichts da. Genauso gut geht es mit Zwirnsfäden, so gut und so schlüssig, dass es im Bausatz sogar der Laie schafft, den Fäden die richtige Spannung zu geben. Das soll funktionieren? Nie im Leben. Doch – es funktioniert (siehe die Bilder der Fotostrecke).

 

 

"Akkordoline" aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Bausatz "Akkordoline" aus der Harmonika-Werkstatt Untersee "Akkordoline" aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Bausatz-Örgeli aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Akkordeon aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Das "Piandoneon" aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Bausatz-Akkordeon aus der Harmonika-Werkstatt Untersee Bausatz-Akkordeon aus der Harmonika-Werkstatt Untersee

 

 

Ein anderer Bausatz: das Mini-Örgeli. Dani liegt es besonders am Herzen. Er findet, das ursprüngliche Schwiizer-Örgeli ist durch die „Verbesserungen“ der letzten Jahrzehnte eher verdorben worden: chromatische Zusatztöne, ein nicht mehr wechseltöniger Bass, aber lediglich Dur-Akkorde und kein Moll-Akkord… Das Mini-Örgeli knüpft wieder an die Urform an. Es ist einreihig und streng diatonisch-wechseltönig.

Hin und Her von Zug und Druck, wie bei der Mundharmonika, und ohne Zusätze und Kompromisse: „So“, sagt Dani, „kann der Anfänger das Hin und Her der Tonspannungen im Ablauf der Tonleiter richtig physisch nachvollziehen, erlebt viel grundlegender, wie Musikmachen geht, als wenn er – Taste neben Taste – Melodien nach Noten einlernen würde.“

Es gibt noch einige ganz kleine Örgeli. Mit diesen Bausätzen veranstalten die Unterseer Workshops für Lehrer und Erzieher. Jeder Teilnehmer baut sein eigenes Instrument, dann wird gemeinsam damit musiziert. „Instrument-Machen“: so wird ein ganz persönliches Verhältnis zum „Musik-Machen“ hergestellt.

Ein noch nie gesehenes Instrument macht mir großen Spaß: ein grünes Ding, ähnlich geformt wie eine englische Concertina, aber größer, ist die Akkordoline. Was kann sie? Links Basston, rechts Akkord, so liefert sie für eine Tonart die fünf wichtigsten Akkorde, die Mollparallelen mit dabei. Für eine Tonart? Von wegen! Das Ding ist zwölfeckig und beide Seiten sind drehbar, jeder Dreh bringt das Instrument in eine neue Tonart, so dass es – je nach Drehung – den gesamten Quintenzirkel bedienen kann. Brauche ich so ein Teil ganz dringend? Na ja, eigentlich nicht wirklich. Aber wunderschön sieht es aus, und gerne begleite ich ein oder zwei Lieder damit – super.

„Manchmal denke ich“, sagt Dani, „wir sind wie Experimental-Biologen in der Züchtung neuer Arten. Wobei bemerkenswert ist, dass viele unserer ,Züchtungen‘ nicht in die Zukunft führen, sondern die Vergangenheit wiederbeleben. Oft schon haben wir uns .verrückte‘ Dinge ausgedacht, und wenig später untersuchen wir ein hundert Jahre altes Instrument, und finden unsere .neue‘ Erfindung bereits verwirklicht. Das ist natürlich eine große Bestätigung: Es zeigt uns, dass wir uns nicht verstiegen haben, sondern gute, alte Dinge wiedergefunden haben. Ein gutes Gefühl.“

 

Bandoneon für Tastenspieler – gibt’s das? (2)

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